Das Geschäft meines Lebens

Den Kreditinstituten sei Dank habe ich das Geschäft meines Lebens gemacht. Glaubt ihr nicht? War aber so. Die haben doch, um mal wieder ihre Kunden zum persönlichen Vorsprechen zu nötigen, lustig Millionen von Scheckkarten kaputt gemacht, oder so. Na ja, jedenfalls bekamen jede Menge Leute einfach kein Geld obwohl ihre Konten Deckung und/oder Deckungs ähnliches Verhalten aufwiesen. Logischerweise musste es bei einer solchen Stückzahl auch Freunde von mir treffen.

Und dann kam ich!! Da hilft kein Betteln und  kein Beten, nur Bunki rettet den Planeten. Blitzartig trat die „Bank of Bunkus“ in Aktion und kreditierte einem an Liquidität mangelnden Kumpel 50 Euronen als Cash-Soforthilfe. Großzügig wie meine Freunde nun mal veranlagt sind, wusste er sich für diese selbstverständliche Gefälligkeit auch gleich zu revanchieren. Prompt übernahm er unaufgefordert (!) die Rechnung meiner Cola, die wir, um das Frieren und das Warten auf die Veranstaltung in der Yuma Bar zu verkürzen, in einer italiener-ähnlichen Neuköllner Eckkneipe zu uns nahmen.

Das waren immerhin stolze 2,20 Euro, die er da für mich hinlegte unaufgefordert. Und diejenigen unter meinen Lesern, die die alte Zinsrechnerformel Z=(k*p*t)/100 im Kopf haben, also quasi alle, denn wir sind ja aus den Zeiten vor Pisa allumfassend gebildet, haben auch sofort angesichts der stolzen 4,4% anerkennend mit dem Kopf genickt.

Mehr als der Spareckzins also. Was mein Gegenüber nach kurzer Überlegungsphase dann auch anerkannte. Und wenn man es genau nimmt, ist das noch weit mehr. Denn natürlich wurde die zu DM-Zeiten als „Lübecker“ bezeichnete Zahl ja prompt zurücküberwiesen. Ergo ergänzen wir die oben genannten Formel um fünf Werkstage und kommen auf eine sagenhaft anmutende Verzinsung von 316,8%. Ein Faktor, bei dem selbst die Herren Fugger vor Neid erblasst wären. Hey, das soll mir mal einer nachmachen.

Solchermaßen nachdenklich gestimmt, reagierte besagter Freund höchst erfreut, als ich in der Yuma Bar dem Veranstalter für einen Wegedienst eine von jenen neumodischen Biobrausegetränken spendieren wollte, bei denen man als Normaltrinkender eigentlich nur „de nada“  sagen kann. „Hey, jetzt ist dein Gewinn wieder weg“, entfuhr es ihm hocherfreut.

Was mich kurz in ein Nachdenken und dann etwas länger in eine Kilometergeldberechnung stürzte. Der Weg von der Bühne zum Tresen betrug – dem Wunsche nach Einfachheit geschuldet – jetzt mal exakt 10 m. Für gewöhnlich erstattet einem der Herr Brötchengeber finanzamtkompatible 0,30 Euronen pro Kilometer. Hm, so ne Nadebio kostet auch bestimmt auch wieder zwei Teuros. Also zwei auf 10 m, 20 auf 100, und 200 € auf den Kilometer. Holy shit! So viel habe ich umgerechnet noch nie jemandem spendiert, wenn man von der Bunkine absieht. Doch der steht das als nahe Verwandte ja irgendwie auch zu.

Das breite Grinsen auf den Gesicht meines Freundes, der mich bei meiner Überschlagsrechnung observierte, blieb nicht von langer Dauer. Denn . Jottseisjetrommeltundjepfiffen, der Herr Gastgeber verzichtete großzügig auf die Einladung mit der lapidaren Bemerkung, er trinke eh auf Kosten des Hauses bei diesen Veranstaltungen. Puh, noch mal Glück gehabt!

Mir/Es graut der Morgen

Tomorrows To-Do-List:

1) Ausschlafen (wird von mir mit einer nahezu weltmeisterlich anmutenden Perfektion erledigt werden)

2) Wagen von Schnee und Eis befreien (wird ohne des durch des Frühlings holden belebenden Blick schon schwieriger, muss aber als machbar eingeschätz werden)

3) Wagen starten (und da fängt das Grauen an. Ganz bestimmt)

Denn mein treuer Weggefährte .. Sagte ich übrigens schon, dass ich ihn Henry getauft habe? Mit dem Kleiner Zusatz, der Vierte. Also müsste ich hier um präzise zu sein von Henry IV sprechen. Der Einfachheit halber bleibe ich aber bei Henry, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich meine, erstens kennen Henry und ich uns nunmehr zweieinhalb Jahre. Also kann man von einer gewissen Vertrautheit sprechen. Und zweitens ist es einfacher so. Wirkt nicht so hölzern und gestelzt.

Doch zurück zu Henry. Die Sache ist nämlich die. Er ist ein Franzose. Und der vierte seiner Art in meinem Hause. Daher auch die Vier. Mist, ich schweife schon wieder ab. Was ich sagen wollte ist dies, hm, wie nenn ich das Kind nur beim Namen? Henry ist ja so sensibel. Wenn er das hier mitkriegt … Also kurz gesagt, manchmal ist er etwas schwach auf der Brust. Was ich ja hier schon mal zart andeutete.Kurz, das lbeste Fahrzeug aller Fahrzeuge französischen Fabrikates hat sich noch nie an der Leistungs- und Ausdauerfähigkeit des berühmten Duracell-Häschens orientiert, sondern ging da seiner Landsmannschaft entsprechend stets seine eigenen Wege. Und dies wie gesagt auch schon mal im Sommer, wenn ich ihn gar zu lang ignorierte und im wilden Friedrichshain darbend und nach Bewegung gierend schnöde am Wegesrande einen guten Mann sein ließ. Friedrichshain, hauchen Sie entsetzt? Etwa …? Ja,  eben jenes wilde, unbotmäßige, sich mit letzter Kraft dem sterbenden parasitären Kapitalismus widersetzende Friedrichshain, in dem Sommers wie Winters als Zeichen des Protestes lustige Feuerchen mit den bunten Wägelchen veranstaltet werden.

Wer würde da nicht Angst kriegen so er denn aus Metal gebaut und vier Räder sein eigen nennt. Zumal wochenlang und mutterseelenallein. Autos sind ja auch nur Menschen und wollen nicht sträflich vernachlässigt werden. Wenn man das macht, geschieht es einem ganz recht, das man ihrerseits brutal mit Liebesentzug gestraft wird. Was nie einfacher umgesetzt ward, als durch einfache Funktionsverweigerung schon beim Anlassen. Und das auch schon mal im Sommer …

Dem geneigten Leser wird es beim Blick aus dem Fenster auch nicht entgangen sein, dass wir gerade was haben? Richtig! Winter. Die Zeit, in der neben den Jahresendzeitflügelfiguren allerlei Engel in gelb  Hochkonjunktur haben. All die Pferdestärkchen unter den blechernen Hauben frieren herzergreifend. Dem Henry seine nun auch schon weit über 10 Tage. Ob er mir das wieder mal übel nimmt?

Oh Henry, mir graut vor dem Morgen, dass ich wieder auf Altmeister Goethes Spuren wandeln muss. Gilt wirklich nomen est omen? Heinrich! Schaun mer mal …

Alles langweilig, oder was?

Trainingsauftakt beim 1.FC Wundervoll. Für gemeinhin eine Angelegenheit von allgemeinem Interesse. An guten Tagen  kommen da auch mal vierstellige Truppenteile zusammen. Beispielsweise beim Debüt von Uwe Neuhaus.


Foto: Koch

Mag es auch unfair sein Sommers mit Winters zu vergleichen, gestern wähnte sich die illustre Boulevardjournalisten-Runde (inklusive meiner Wenigkeit)  im falschen Film. Dass die Mannschaft gestern mit Tross, Proband & Co. die Zahl der Kibitze überstieg, kann ja schon mal vorkommen. In der Regionalliga-Saison 07/08 wollten sich immerhin rund 40 Eiserne das Spektakel ihrer Lieblinge nicht entgehen lassen.

Doch das der Journlistenschar die Köpfe der Anhängerschaft zahlenmäßig auch hinter sich lässt, verwundert dann schon. Ganze 1,5 Fans (ein Großer und sein Kleiner) waren gestern an der nasskalten Alten Försterei dabei. Und auch da ist das reine Fandasein nicht richtig gezählt, war doch einer der beiden ein munterer Mitbetreiber eines sehr ehrenwerten Unionfan-Blogs. Mit anderen Worten, publizistisches Interesse in moderner Form war vorhanden!

Warum diese Minuskulisse? Die Ruhe vor dem Sturm? Alles nur der Festtagszeit und dem kuriosen Termin zwischen den Feiertagen geschuldet? Also den Tagen, in denen ohnehin alles den Göttern der Völlerei untergeordnet wird? Und sei es aus biologischen Gründen.

Kann eigentlich nicht so sein. Union steht ja für einen Auffsteiger blendend da. Das muss doch locken. Sollte etwa? Wird der 1.FC Wundervoll gar, man traut es sich kaum auszusprechen, … ein kleines bisschen langweilig? Mittelfeld gleich graue Maus? Ist man in Köpenick nur noch das Spektakel gewöhnt? Wie das Weihnachtssingen etwa, was ja auch bei kaum weniger günstigen Temperaturen 8000 Sangesbrüder und -schwestern an die Alte Försterei lockte.

Ist Trainer Uwe Neuhaus, ohnehin nicht als bekennender Freund der Unterhaltungsbranche bekannt, bestimmt ganz recht. In Ruhe arbeiten, möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so sein Credo. Panem et circensis? Nicht des akribischen Arbeiters Ding. Entscheidend ist für ihn allein auf dem Platz. Und nicht daneben. Das ist nur störend Beiwerk. „Eigentlich wollte ich heute dreieinhalb Stunden trainieren lassen, damit die Journalisten die Lust verlieren, Fragen zu stellen“, verpackte er seine Ansichten in einen  vermeintlichen Scherz.

Ha, ha. Gut gelacht. war ja auch nett da bei leichtem Nieselregen, immer noch gefrorenen Böden und zahlreichen Wasserpfützen, die die Wege säumten. Da möchte man schon mal zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön.

Oder liegt es vielleicht auch daran, dass man die Herren Gebhardt, Biran, Benyamina & Co. zwar als formidable Fußwerker kennt. Doch die Menschen dahinter einem leicht fremd sind? Dass der manchmal ans manische grenzende Kontrollversuch, von der Schwesterzeitung hier nur am Rande gestreift, teils auch kontraproduktiv sein kann?

Wahrscheinlich von allem etwas. Es kommt halt auf die Mischung an. Profi-Fußball ist halt auch mehr als ein 1:0 auf dem Platz. Es ist ein Geschäft auf der Basis von Emotionen und Zwischenmenschlichem. Eins, das eben nicht nur aus Spieltagen und nackten Resultaten besteht.

Blue rulz

L: Hamburg. Eine stino Bäckerei. Denn wenn man schon mal da ist in der norddeutschen Tiefebene, ist eins für mich Pflicht. „Ein Franzbrötchen, bitte“, so die in freudiger Erwartung vorgetragene Bitte. Womit ich nicht gerechnet hatte, war das Stakato der Verkäuferin. In einem ICE-Ähnlichen Tempo trug sie aufzählenderweis etwas vor, an dessen Ende ich so etwas wie „was für eins“ zu vernehmen glaube. Nicht ganz sicher, was denn nun von mir erwartet wurde, stammelte ich ein „Ein ganz normales“.

Hach,da war ich aber an die Richtige geraten. „Normal ist nicht“, schoss es mir entegegen, unmittelbar gefolgt von einer erneuten Aufzählung der Varianten. Hatte ich das Tempo schon erwähnt? Und ganz ehrlich, muss man den alles so verkomplizieren? Ein Franzbrötchen ist ein Franzbrötchen ist ein Franzbröchen. Dachte ich eigentlich. Aber mit mir zugereistem Touristen kann man es ja machen. Musste der Morgen denn so schwierig beginnen?

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Auf hoher See und vor Gericht sei man in Gottes Hand. Und vor dem Gesetz sind ja angeblich all gleich. Was ja nicht stimmt. Aber hier keine Rollle spielt. Wo wir aber gleich sind, ist das Wetter. General Winter hält alle in seinem Bann. Und so standen sie alle fein säuberlich aufgereiht entlang des Rastplatzes. Benz neben VW, Peugeot neben den Toyotas dieser Welt. Wie in einer Perlenkette. Die Motorhauben hoch geklappt wie gierige Schlünder und die Götter des Frostes flugs mit dem frisch erworbenen einheitsblauem Antigefrierschutzzeug für die Scheibenwaschanlage milde gestimmt. Gleicher geht nicht. Deutschland einig Nachfüllland.

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Kopfsteinpflaster ist der Stöckelschuhe und des Radfahrers natürlicher Feind. Erst recht, wenn es so richtig schön verschneit ist. Darum werde ich es nie verstehen, wie man „hoch zu Ross“ dabei auch noch telefonieren muss. Ein Kollege von mir ist auch ohne Nutzung des Handys bei solchen Witterungsbdingung gestürzt. An den Folgen des Kreuzbandrisses laboriert er noch heute. Schien der jungen Dame, die sich zweiradmäßig gen Innenstadt bewegte, nicht zu kümmern. Manche Gespräche müssen furchtbar wichtig sein, dass sie unaufschiebar scheinen. Da kann man schon mal Leib und Leben riskieren.

Return to sender

Als ich den Briefkasten öffnete, blickte er mich fröhlich an. Leuchtend. Gelb. Unübersehbar. Da war es ja das gute Stück. Aber verdammt noch mal, wieso machst du es dir jetzt bei mir gemütlich im Hauseingang? Wo hast du dich rumgetrieben, du Schlingel? Du solltest doch schon seit Tagen draußen im Speckgürtel in Empfang genommen werden. Die Bunkine hatte doch schon sehnlichst auf ihre Essensmarken gewartet.

Die Sache mit Töchterleins gelegentlicher Schulspeisung ist nämlich die. Irgendwas geht immer schief. Mal werden ihr die Marken nicht ausgehändigt, weil bei der Bestellung eine Frist minimal überschritten wurde und telefonisches Interagieren schlichtweg daran scheitert, dass die Herren Schulgastronomen vielleicht leidlich gut kochen mögen, wohl aber nicht wisen, wie sie denn ihre Fernsprecher zu bedienen haben. Ist ja auch schwer, so einen Hörer mal in die Hand zu nhemen, wenn er denn fröhlich schellt. Kunde könnte ja mit Umsatz drohen. Oder schlimmerem.

Diesmal war es aber meine Schuld. Als ich die Bunkine letztens von der Schule abholte, wedelte sie fröhlich mit einem DIN-A4-Bogen herum, auf dem sechs winzige Essensmarken eingedruckt waren. Ein zweiter Bogen in ihrer Obhut nebst zusätzlichen Arbeitsblättern verstopften die andere Patschehand. Müssten wir noch kurz bei ihrer erkrankten Freundin vorbeibringen, ehe es heimwärts gehen kann. Gesagt, getan. Ranzen geschultert, Sporttasche übergeworfen, ihre Essensmarken in der Innentasche meiner Jacke ein liebevolles, neues Zuhause gegeben. Und ab. Ahnen Sie es bereits?

Natürlich vergaß ich bei abendlicher Heimreise ins traute Berlin die Marken aus meiner Jacke zu fingern. Aus den Augen, aus dem Sinn. Blöd, aber korrigierbar. Es war ja Donnerstag. Und erst am Dienstag würde sie ihre Essensbons benötigen. Zeit genug, um sie postalisch noch an ihre Besitzerin zu bringen. Ne Briefmarke hatte ich auch noch zur Hand. Einwurf am Freitag um 17.30 Uhr, der Kasten versprach auch noch am gleichen Abend eine Leerung. Alles schick, also.

Alles? Nicht ganz. Es kam der Samstag. Kein gelber Umschlag zu sehen. Es kam der Montag. Kein Umschlag weit und breit. Es kam der Dienstag. Immer noch nichts. Es Mittwochte, gut um es abzukürzen, es kam überhaupt nichts. Zumindest nicht da an, wo wir es alle hinhaben wollten. Bis eben!

Da war er nun, der Schlingel. Versehen mit einem kleinen, abziehbaren Aufkleber und dem netten Stempel „Empfänger/Firma unter der angegebenen Anschrift nicht zu ermitteln.“ Hä? Wie bitte? Kurzes innerliches Aufbrausen meinerseits gepaart mit einem strengen Kontrollblick. Name? Stimmte! Straße? Alles im grünen Bereich. Ort und Postleitzahl auch. Wtf? Die Hausnummer! Die verflixte Hausnummer. Instinktiv hatte ich die alte Nummer aufgeschrieben, unter der wir vor acht Jahren ein gemeinsames Dach gehabt hatten. 12 stand da, 12 statt 14! Dick und fett. Klar doch, dass das gute Teil nicht ankam.

Doch diese ersten Gedanken, blieben nicht die letzten. Moment mal, schoss es mir durch die grauen Zellen. Dieser Wohnpark ist verdammt überschaubar, um nicht zu sagen klein. Ganze 14 Häuser maximal. Eher weniger. Und gleich unter zwei Adressen war eben der nicht gerade häufig vorkommende Nachname der Bunkine zu finden. Einmal bei sich, einmal bei den Großeltern. Und beide residieren seit geraumer Zeit schon dort.

Also ganz ehrlich, es war mein Fehler. Aber ist es wirklich zu viel verlangt, mal sein Gehirn einzuschalten? Die Postboten dort sind seit geraumer Zeit in ihrem Job zu Hause. Da kann man auch anders. Wenn man denn nur will …

Wenn einem St. Pauli auf den Geist geht

Ach, Mönsch. St. Pauli, alte Spaßbremse. Musste das sein? Von wegen Herz und so. Also gastfreundlich war das nun nicht, den 1. FC Wundervoll so mir-nix-dir-nix einfach mal zu vermöbeln.

Was sagst du? Selber schuld? Nur weil ich die Einlaufmelodie  nicht für voll genommen habe? Moment mal, ich hör noch mal genau hin.

Ja gut, Höllenglocken. Weiß ich doch. Aber musst du das dann gleich so wörtlich nehmen? Höllenqualen statt Freudenhäuser? Ein Törchen hätte doch völlig ausgereicht, wenn du einem unbedingt die Laune vermiesen wolltest. Ich meine, wir kamen als Freunde. Manche sogar als Blutsbrüder. Ich finde du nimmst dich einfach zu wichtig. So geht man mit Freunden nicht um. Ne, ne, ’ne Punkteteilung, das wär’s doch gewesen. Also ehrlich mal.

Und komme mir jetzt bloß nicht mit dem Spruch, ich hätte es wissen müssen. Ja, sicher ertönte Blurs Song No 2 genau in dem Moment in meinem Autoradio, als ich zwei Tage vorher für meinen Brötchengeber auf dem Weg zur Spieltagspressekonferenz des 1.FC Wundervoll gewesen bin und mich ein alter Freund und St.Pauli-Fan anrief. Ja, ich weiß, dass das euer Tor-Jingel ist. Ach, ne Warnung sollte das sein? Womöglich ebenso wie die Tatsache, dass ich ausgerechnet diesen Kumpel von mir auch noch Tags darauf in der Schwesterzeitung zitiert wieder fand.

Jetzt hör mir mal uff. Nur weil die Unsrigen zwischen den Strafräumen umherirrten, als suchten sie den Notausgang, muss man uns doch nicht gleich sechs einschenken. Was sagst du? Es waren nur drei? Ja, aber gefühlt waren es sechs. Mindestens. Wenn ich allein an die Fehlpässe denke. Die wirkten doch einstudiert. Da konnte einen nicht mal richtig trösten, dass Kenan Sahin nicht wie gewohnt umherschwalbte. Ne, dass Astra blieb einem im Halse stecken angesichts dieser Vorstellung.

Sicher, unsere Jungs hätte man nicht unbedingt in so einem Gefährt mit so einer Aufschrift nach Hamburg schicken müssen.

Das musste ja zu Missverständnissen führen. Sind ja alle jung. Und was auf Klassenfahrten so alles abgeht! Also wenn ich da an meine Schulzeit zurückdenke … Dass der Kiez immer nur mit Verlustierungen und nicht zwingend mit harter Maloche gleichgesetzt wird, war ja auch den Fußballgöttern bekannt. Na gut, Schwamm drüber. Ist nun mal passiert.

Aber wo wir mal grad so nett plaudern. So richtig Traditionsbewusstsein ist bei euch wohl auch nicht verbreitet, was? Uns 1919 Karten nach Berlin zu schicken. Neun weniger hätten es auch getan und ihr wärt alle mal wieder für eure Guerilla-Marketing-Aktionen bewundert worden. Was ich damit meine? Na kuck dir doch mal euer Logo genauer an. Verstehste jetzt? Steht doch dick und fett drauf!! Also ein bisschen schwer von Kapee biste heute schon. Ganzen Tag schon. Aber das hatte ich dir altem Spielverderber ja schon weiter oben mitgeteilt.

Und wenn ich schon mal am Meckern bin. Dass ihr Weltpokalsiegerbesieger euer schönes Kleinod, also die wunderbare manuelle Anzeigetafel, jetzt schnöde in den Katakomben der neuen Südtribüne versteckt, geht ja nun mal gar nicht. Nur weil ich in die Mixed-Zone rein darf, kann ich sie hier noch mal allen Interessierten vorführen. Die wurde echt vermisst. Also ich sag dir eins, bei uns in der Alten Försterei habe wir das besser gelöst.

Aber eins muss man euch dann doch lassen. In punkto soziales Engagement macht euch keiner was vor. Jetzt wo alle Welt angesichts von Bildungsnotstand und Pisa-Studien nach mehr Finanzmitteln für die Schulen und Unis schreit, macht ihr Nägel mit Köpfen. Einfach mal die alte Haupttribüne abgerissen und schon kann das darbende Wirtschaftsgymnasium dahinter seine schnöden Klassenzimmer als VINF-Logen, also als Very-Important-Normal-Fan-Logen, vermieten und seine chronisch unterfinanzierten Lehrmittel und Lehrkörper aufbessern. Das nenn ich doch mal ne gute Tat.

Aber alles in allem: echt kein schöner Ausflug. Und wenn ihr so weiter macht, können wir nächstes Jahr nicht mal zu Besuch vorbeikommen. Dafür haben wir dann die pucklige Alte Tante aus dem Westen zu Gast. Also schön ist das nicht. Und du, du bist mit dran schuld. Also zum Teil. Irgendwie. Ach, was weiß denn ich.

Irgendwie habe ich jetzt das dumpfe Gefühl, ich bin hier noch was schuldig. Ach klar, die Überschrift. Hier ist sie.

Von weißen Tauben und roten Plätzen

„Ich hol‘ dich dann um 10 Uhr ab.“ Jau, das klang doch mal nach ’nem Plan. Schön noch bei den weißen Tauben von Paloma die Jungs von der Adolf-Jäger-Kampfbahn ankucken gehen, bevor ich dann dienstlich ein Stück weiter südwestlich am Millerntor dem 1.FC Wundervoll beizuwohnen gedachte. Dass man sich den Gang dorthin hätte sparen können, ist heutigen Datums keine News mehr und daher dazu später mehr an anderer Stelle.

Adolf! Jäger! Kampfbahn! Das klingt nach guter, alter Zeit. Das ist Musik in den Ohren echter Fußball-Anhänger. Keine Wischi-Waschi-Arena. Kein Kommerz-Tempel. Keine Klatschpappen. Herrlich. Und einen bunten Haufen Verrückter als Anhänger, die als Freunde des gepflegten Rumprollens und munteren Pöbelns am Rande lautstark auf sich aufmerksam machen hat der AFC ja auch noch. Fußballherz, was willste mehr?

Na zum einen, dass man den altbekannten Unterschied zwischen Theorie und Praxis nicht vernachlässigen sollte. Denn die Idee war gut, nur ich noch nicht reif. Zumindest nicht an diesem Sonntag morgen, als mein Handywecker mich mit zunehmender Boshaftigkeit, aber umso nachhaltiger daran erinnerte, dass ich doch aufzustehen hätte. Und dies gemäß dem alten Zauberwort mit den zwei „t“ gar flott!.

Das freundliche „Man, siehst du Scheiße aus“, das mir zur Begrüßung nebst einem schwarz-weiß-roten Schal entgegenfleuchte, besserte meine Laune nur unwesentlich auf. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Wer von meinen zahlreichen verstörten Egos war nur auf diese total super-dufte-grandiose Idee gekommen, am Abend zuvor nach Dienstschluss unbedingt noch nach Hamburg eilen zu wollen? Und das alles nur, um an der Einweihungsfete eines guten Kumpels und St.-Pauli-Fans teilzunehmen? Als ich dort eintrudelte, wurde die Party leerer. Ich widmete mich daher gleich dem Kühlschrank, denn der war noch gut gefüllt. Eine Aufgabe, die die Verbliebenen dort alle sehr ernst nahmen. Und erst als das Kühlgerät so gegen 4 Uhr morgens eine standesgemäße Leere erreicht hatte, gaben wir uns mit dem Werke zufrieden. Weil wir sahen, dass es gut war. Bis zum Anpfiff am Millerntor, war ja für die meisten noch etwas hin.

Tja, nur für mich ja nicht. Toller Plan. Fussi kucken gehen zu nachtschlafender Zeit. Immerhin, die Anhänger des AFC wurden ihrem Ruf als Spaßvögel zum Glück gerecht. Irgendwo auf dem Kiez hatten sie bei ihrem Anmarsch aus ihrer Pinte einen Trenchcoatträger undefinierbaren Alters mit wackligen Beinen aufgegabelt, dessen Mantel-Rückseite nun mit lustigen Stickern verziert wurde. Was diesen aber nicht störte, weil er es nicht mitbekam. Mein freundliches, aber bestimmtes Nein, als die wandelnde AFC-Litfaßsäule mich um eine Zigarette angehen wollte und nicht weiter als bis zum „Haste mal …“ kam, beschäftige ihn dann aber doch. Irgendwo in seinem oberhalb der Schultergegend angesiedeltem Arbeitsspeicher rappelten ein paar Synapsen und er nach ein paar unmotivierten Läufen entlang der Gegengrade wieder auf mich zu: „Sach ma, bist du aggressiv?“ In allerletzter Sekunde unterdrückte ich die natürliche Regung, ihm ein  „Verpiss dich du Arschloch, ehe ich die die Gräten breche“ entgegen zu feuern, presste ein geknurrtes „Nein, lass mich in Ruhe“ zwischen meinen trockenen Lippen hervor und wandte mich der kleinen Holzbude zu, die mit frischen Brötchen und totem Tier vom Grill den rund 300 Besuchern die Gaumen zu kitzeln gedachten. Nach dem Einwurf einer in Farbe und Form fast genau, aber nicht ganz präzise an Kaffee erinnernden Flüssigkeit (bestimmt hatte da der verfluchte Eddy, der Bordcomputer der Heart of Gold, seine Finger mit im Spiel?) hellte sich meine Laune zusehends auf. Mittlerweile gelang es mir die Formen in meiner Umgebung schon wieder recht gut zuzuordnen. Auf den sofortigen Einwurf eines Konter-Bieres konnte verzichtet werden. Wenigstens was.

Betrachteten wir also die Umgebung mit aufkeimender Lebensfreude, die in einem umgekehrt reziproken Verhältnis zu meinem Rest-Alkoholpegel standen. Werners Eiche war auch da. Gleich am Eingang. Auch wenn keiner wirklich Augen für dieses Kleinod hatte. Dann war da dieser Matsch gewordene Ascheplatz, auf dessen rot-braunem Untergrund sich die beiden fleißigen Oberligisten gar hingebungsvoll tummelten und die hohen Absätze der Spielerfrauen im aussichtslosen Kampf gegen Durchnässung und Verfärbung sich so tapfer reinbohrten. Daneben eins von den Sagen umwobenen und vom DFB in seiner so typischen Bescheidenheit auch nur in epischer Breite angepriesenen Minispielfeldern. Die Eintrittskarte war auch große Klasse. Eine Abrissrolle wie früher im Kino, hier nun mit dem Wappen des HFV versehen. Hach!

Die mit dem AFC sympathisierenden Gestalten, an dessen Rande sich auch einiges rot-weißes Zaunvolk aus Berlin eingefunden hatte,  sparten neben allerlei Gesang und an Urzeitmenschen ähnelnden Geräuschen auch nicht mit Anregung, wie denn der Herr Unparteiische seine Pfeife einzusetzen hätte. Auch über die bessere Handhabung des Winkelementes wussten sie dem Schiedsrichter-Assistenten den einen oder anderen Vorschlag zu unterbreiten. Wollte dieser aber partout nicht annehmen. Versteh‘ echt nicht, warum?

Und Tore hatte es auch. Hüben wie drüben. Gar fünf an der Zahl. Und  alle so angebracht, dass sie auch im Netz landeten (‚tschuldigung, kleiner an Otto W. aus E. angelehnter Scherz). Nö, war unterhaltsam. Und die letzte Bude vor der Pause hätte es bestimmt in die Auswahl zum Tor des Monates gebracht, so man denn nur in einer der monetär befriedeten Fernsehligen verweilt hätte. Ein herrlicher Freistoß mittenmang ins Dreiangel. Fein, fein. Auch wenn er für die Kampfbahn-Kumpels auf der falschen Seite angebracht wurde.

Mehr bekamen wir dann leider doch nicht mehr mit, weil getrieben von dem Wunsch, den Kampf der Kiez-Kicker zu sehen, wir zur Halbzeit unsere Zelte beim gastlichen USC abbrachen. Das wir sogar alle Tore des Tages gesehen hatten, war aus AFC-Sicht natürlich enttäuschend. Aber beruhigte uns ex eventu, dass wir nichts mehr verpasst hatten. War vielleicht doch nicht so übel gewesen. Der ganze Plan meine ich.

Wo man singt, da lass dich nieder

Ne, ja, ist klar. You’ll never walk alone. Muss man glaube ich nicht groß drüber reden. Auch wenn mir das Vergnügen an der Anfield Road leider noch nicht zu teil war.  Und Geschmäcker sind auch verschieden, ich weiß. Und doch hat mich mein letzter Kurztrip nach Karlsruhe (der mit insgesamt 12 Stunden Bahnfahrt hin und zurück eigentlich doch nicht so kurz war wie der Name vermuten lässt) mal wieder dazu gebracht nachzudenken. Welche Lieder in Stadion finde ich gut? Welche akzeptiere ich, obwohl sie Mist sind, aber halt genau dorthin passen, wo sie voll Inbrunst gesungen werden. Was geht gar nicht?

Das Badener-Lied fällt für mich in die vorletzte Kategorie. Erstens klingt es an der Dreisam beim SCF viel wirkungsvoller. Und zweitens hat  es verdammten Ohrwurmcharakter und verfolgt einen Tage lang. Aber, es gehört dahin. Und das ist auch gut so.

Großartig ist für mich ja auch das Millerntor. Hier in Vorfreude auf den 29. November das Beispiel meines letzten Besuchs beim Kiez-Klub. Es war ein schönes Spiel. Nur schade, dass der Schiri es nicht gesehen hatte. Noch immer klingen mir unsere freudigen 5:1, 5:1-Gesänge in den Ohren. Was zwar nicht der Realität entsprochen hat, aber unserem Gefühlszustand.

Gleiche Stadt, anderes Stadion. Dem Kollegen @nedfuller möchte die Perlen zwar am liebsten den Säuen vorwerfen (was ich ihm als Dauerkonsumenten dieses Liedes nicht groß ankreiden mag), aber ich, als immer wieder nur temporärer Rezipient  der King-Karlschen-Gesangsdarbietung, möchte es dort nicht missen.

Über Oberhausens Missfits habe ich mich hier schon mal ein klein wenig ausgelassen. Über Grölimeyers Herbert möchte ich nicht weiter groß Worte verlieren. Die Doppelpassunfähigkeit der dort ansässigen Kicker ist eben so legendär wie des Sängerbarden Tanzunfähigkeit. Aber bei  den „einstmals Unabsteigbaren“ vom VfL hat das Ding seine Berechtigung.

Und nach all den imho schönen und passenden Beispielen hier nun mein absolutes Downlight: Zebrastreifen weiß und blau, hier kotzt spielt der Em-Es-Fau.

Und bevor mich jetzt einer für meine Überschrift schilt, Sitzen sei für den Arsch. Über die Hymne im schönsten Stehplatzstadion Deutschlands brauchen wir uns gar nicht erst unterhalten. Unübertroffen. Allein schon durch das Intro und die Überleitung. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Nein danke

Location Ostkreuz. Zwei junge Damen, weiß gewandet, beim Verteilen einer Gratiszeitung. „Hier bitte, nehmen sie. Ist umsonst“, flöteteten die leicht fröstelnd daherkommenden Holden die „Welt kompakt“ lobpreisend an.

„Danke nein, ist Springer“, brummte es ihnen en passant entgegen. Ungläubiges Staunen der Verteilerinnen. „Schon wieder einer?“

Kritikaster wie wir

So, so, der Herr Brussig also. Kann man ja mal mach

en. Immerhin hat der gute Herr ja auch mit „Leben bis Männer“ und „Schiedsrichter fertig“ zwei recht bemerkenswerte Stücke über Fußball, das Leben und den Rest des Univ

ersums an sich geschrieben. Als Autor hat er was drauf. Mit großem Vergnügen habe ich seinerzeit „Helden wie wir“ und „Das untere Ende der Sonnenallee“ verschlungen. Und dass mir mein erstes Zusammtreffen mit ihm einen recht peinlichen Auftritt in meiner journalistischen Karriere beschert hat, lag weniger an dem Herrn Autor, denn an mir. Wenn man eine Buchlesung in der lokalen Gazette schön großflächig bewirbt und sich mit dem ach so tollen Artikel brüstet, sollte man nicht so stolz darauf sein, wenn man den Namen des Vortragenden nicht richtig wiedergegeben hat. Als junger Volontär in Eisenhüttenstadt hatte ich mir das u in Brussig für ein ü vormachen lassen. Herr B., also der andere, nicht ich, war nicht sehr amüsiert. Anfängerfehler. Lassen wir das.

Nun soll der gute Herr ja auch leidenschaftlich vor sich hin kicken. Da kann unser gutes Verbandsorgan ihn schon mal in einem Interview zu Wort kommen lassen.Ob man sich aber in seiner Hauspostille so unwidersprochen kritisieren lassen muss, so von oben herab runtergeputzt sehen möchte, lasse ich einmal dahingestellt.

Gerne hätte ich hier die entsprechenden Passagen verlinkt. Aber der VdS ist da eher so OldMedia1.0. Also machen wir das mal auf gute, altmodische Art wie im Studium. Gerlernt ist halt gelernt.

Brussig: „“Der Sportjournalismus steht demzufolge vor dem Problem, dass er permanent mehr aus dem Sport machen muss, als er ist.“ (Sportjournalist 11/2009, Seite 10)

„Das Investigative ist eine Seite, die der Sportjournalismus nicht notgedrungen braucht“. (ebd.)

Und: „Der Sport wird routiniert und gedankenlos abgefeiert.“ (ebd. Seite 11)

„Wir wissen doch, wie Zeitungen sich darin gefallen, Konflikte anzuheizen und damit die nächste Folge der Seifenoper zu schreiben.“ (ebd.)

Tschuldigung, für wen wird der Sportjournalismus noch mal gemacht? Muss ich dafür wirklich Beitrag zahlen, dass ich mich beschimpfen lasse? Ne, so geht das nicht. Zum Glück lieferte Brussig in dem Interview ja eine Herangehensweise für den rechten Umgang mit Druckerzeugnissen gleich mit, in dem er fordert, dass man eine kritisch-spöttische Haltung entwickeln solle.

Machen wir uns den guten Vorschlag gleich mal zu eigen. Wie war das noch gleich mit dem Thema unreflektierte Überhöhung profaner Sachverhalte? Das mit dem Mehr aus etwas machen, als es ist? Die fabulöse Thekenschlampenmannschaft, deren Mitbegründer der kickende Literat ist, hat sich in der ihr eigenen Bescheidenheit einen richtig netten Namen verliehen. Sie nennt sich schlicht Autonoma. Das steht für Autorenationalmannschaft!

Freizeitkicker als Landesauswahl? Ne, ja ist klar. Gut, dass Brussig nichts überhöht.