Ruf mich nicht an

Wie soll man es einem Menschen klar machen, der Fußball nicht mag? Wie erklärt man es ihm, für den der Satz „Some people believe football is a matter of life and death, I am very disappointed with that attitude. I can assure you it is much, much more important than that“ ein Buch mit sieben Siegeln ist?

Dabei hat der alte Schotte noch untertrieben. Es fängt schon morgens an. Dieses Kribbeln, das einen den ganzen Tag nicht mehr loslassen wird.  Diese nicht enden wollende Spannung, dieses Hochgefühl. Weil du weißt, Tage wie diese, sollten nie zu Ende gehen.

Von Minute zu Minute wirst du ungeduldiger. Ja, Chef, wird erledigt. Natürlich. Gleich morgen früh und sei es mit nem Kater. ABER! NICHT! JETZT!

Die quälende Frage: Was ziehe ich bloß an? Welches Trikot? Das kleine Schwarze? Finale dahoam? Ne, das hat beim letzten Mal schon kein Glück gebracht. Nein, wir sind ja nicht abergläubig. Natürlich nicht. Aber nicht ohne Grund wolltest du es der Altkleidersammlung spenden. Sollen die doch auch mal ein quasi unbenutztes Markenprodukt aus dem Hause mit den drei Streifen weiterverschenken können. Die 30 Euro!! Pah.

Lassen wir das. Es gibt wichtigeres. Der Zeiger tickt. Unerbittlich .Und doch will er nicht vorangehen. Stunden bis zum Anpfiff. Die letzten SMS. Du kommst auch noch? Okay. Beeil dich. Keine Plätze frei. Zumindest nicht lange.

Keine Atempause. No mercy, no surrender. Du rennst, hastest machst, nur um dann dabei zu sein. Entgegen deinen Gewohnheiten eilst du noch vor dem ersten Kaffee vier Stockwerke hinunter, nur um beim nächstgelegenen Kiosk den Kicker an dich zu zerren. Hatte ich meine feuchten Hände schon erwähnt?

Seit Wochen hast du gewartet. Dich durch grausame Vorrundenspiele gequält. Abends, allein. Geographie gepaukt durch die Reisen in aller Herren entlegenen Länder. Rosenheim Trondborg sei uns selig. Und ist aber auch egal. Nichts und niemand kann und darf einen jetzt stören.

Du hast dich gerade von deinem Freund getrennt? Glückwunsch, schön für dich. War ja auch Zeit. Gutes Timing, übrigens. Da kannst du ja heute Abend …  Wie jetze? Reden? Ich hab schon Leute aus weniger nichtigen Gründen gevierteilt.

Jetzt gilt’s..Du machst dich bereit wie Javi Martinez vor dem entscheidenden Zweikampf. Du fährst die Ellenbogen aus und behauptest dich am Tresen deines Vertrauens gegen all die Eventkucker, die WM mit EM verwechseln. Mailand, Madrid, Hauptsache Italien – so strömen sie in die Vorführhallen. Gerne auch fünf Minuten nach Anpfiff, nur um dann entsetzt festzustellen, es sei doch bloß Fußball. Wieso  es denn so voll sei? Titten?  Nimm sie weg. Und hör auf jetzt alle der Reihe nach zum umarmen, du stehst im Weg for Gods sake. Gute Kinderstube? Mir doch egal.

Tagelang lächelst du Abends beim Kneipier deines Vertrauens, wohl wissend um seine Laune, wenn wieder einmal der Festnetzglocke schriller Ton erschallt und ein weiterer Ahnungsloser der Reservierung bedarf. Ja sicher, gerne doch. Und wieder nur ein Tee wie beim letzten Tatort?  Bisschen Kandis gefällig? Arme Irre.

Herr, Ober. Ein Bier noch. Eins geht noch vor der Pause. Selbst wenn die Blase noch so drängt. Die Leberwerte können warten. Und du räumst deinen Platz nicht. Zwischen dir und dem Erfolg liegen nur noch Sekunden. Du starrst auf dem Bildschirm, als gebe es kein Morgen mehr.

Gierig saugst du letzten Infomationen aus dem Netz. Süddeutsche, Bild, Spox. Die Mann-gegen-Mann-Vergleiche. All die guten wie schlechten Omen, die Wahrscheinlichkeiten und Zufälle, die Verletzungshistorien, Formkurven und die drohenden Gelbsperren. Du kannst sie runterbeten wie ein Mantra.

Dabeisein. Mittendrin. Nicht nur dabei. Das ist alles, was jetzt zählt. Du likest Fotos von Freuden, die eins der begehrten Tickets ergattern konnten und via Gesichtsbuch dich daran teilhaben lässt. Du twitterst das Innerste aus dir heraus. Momentaufnahmen für die Ewigkeit. Von denen du auch Monate später noch erzählen wirst. Von all den Flüchen. Dem Daumendrücken. Die orgiastischen Torschreie, die so laut waren, dass man mit ihnen – als Energie genutzt – eine mittlere Großstadt problemlos mit Strom hätte versorgen können.

Go Borussia, Go! Stern des Südens, come on! The road to Wembley …

Die Schlusspointe? Denke Sie sich selber eine aus. Ich muss los.

 

 

Szenen meines Lebens XI (nicht zwingend in chronologischer Reihenfolge)

Lametta, Strohsterne, Weihnachtsterne, Lebkuchen, Plätzchen, Kränze,  Christbaumkugeln, Schokoherzen, Lichterketten, Weihnachtsmänner, Adventskalender, Zimtsterne und und und. An allen Ecken und Enden. Überall. Es gibt kein Entkommen. Und es geht mir sowas von auf den Keks. Aber sowas von. Aber auch alles.

Alles? Ne, stopp. Kommando zurück. Streichen Sie die Zimtsterne. damit haben Sie mich. Ich liebe es, wenn ein Plan aufgeht, äh , tschuldgung, falscher Film, ich meinte natürlich Zimsterne. Sie sind echt das einzige, wobei mir in der Vorweihnachtszeit das Herz aufgeht.

Dies hatte auch eine holde Apothekersfrau vernommen, die gelegentlich beim Plausche die ein oder andere Gerstenkaltschale mit mir teilt.  Und da ihre medizinische Grundversorgungstation sich derzeit einen harten innerbetrieblichen Wettbewerb liefert, ob sie eher ein Weihnachts-Give-Away-Lager oder eine medizinische Notfallstation ist, versprach sie mir Abhilfe. Sie wollte ein gerüttelt Maß an Sternen in der kneipe meines Vertrauens für mich deponieren. Ihr holder Göttergatte, sonst für meine Grundversorgung gegen Unterhopfung zuständig, würde dann dafür sagen, dass die guten Teile  bei mir ankommen.

Soweit der Plan. Gesagt, getan. Und so meldete mir mein WhatsApp frohen Mutes auch noch, dass eine Lieferung für mich eingetroffen sei. Mir lief schon das Wasser im Munde zusammen. Zimtsternstunden der Menschheit.

Doch es kann der beste nicht in Frieden naschen, wenn es dem bösen Kneiper nicht gefällt. Ahnen Sie es bereits? Nicht? Dann werfen Sie mal einen Blick auf untenstehendes Foto:

Schockschwerenot. Der hämisch vorgetragene Hinweis, man habe die Kekse in einer mir genehmen Form zusätzlich aufgehübscht, entschädigt nicht wirklich für den bösartigen, vorsätzlich herbeigeführten Mengenschwund. Von wegen Fest der Liebe. Gemeiner Mundraub. Oh Un- und Missetat.Kannst dir doch selber von deiner Holden was mitbringen lassen.  Ehrlich ey, Pix, dit gingt mir auf den Keks.

Das Geschäft meines Lebens

Den Kreditinstituten sei Dank habe ich das Geschäft meines Lebens gemacht. Glaubt ihr nicht? War aber so. Die haben doch, um mal wieder ihre Kunden zum persönlichen Vorsprechen zu nötigen, lustig Millionen von Scheckkarten kaputt gemacht, oder so. Na ja, jedenfalls bekamen jede Menge Leute einfach kein Geld obwohl ihre Konten Deckung und/oder Deckungs ähnliches Verhalten aufwiesen. Logischerweise musste es bei einer solchen Stückzahl auch Freunde von mir treffen.

Und dann kam ich!! Da hilft kein Betteln und  kein Beten, nur Bunki rettet den Planeten. Blitzartig trat die „Bank of Bunkus“ in Aktion und kreditierte einem an Liquidität mangelnden Kumpel 50 Euronen als Cash-Soforthilfe. Großzügig wie meine Freunde nun mal veranlagt sind, wusste er sich für diese selbstverständliche Gefälligkeit auch gleich zu revanchieren. Prompt übernahm er unaufgefordert (!) die Rechnung meiner Cola, die wir, um das Frieren und das Warten auf die Veranstaltung in der Yuma Bar zu verkürzen, in einer italiener-ähnlichen Neuköllner Eckkneipe zu uns nahmen.

Das waren immerhin stolze 2,20 Euro, die er da für mich hinlegte unaufgefordert. Und diejenigen unter meinen Lesern, die die alte Zinsrechnerformel Z=(k*p*t)/100 im Kopf haben, also quasi alle, denn wir sind ja aus den Zeiten vor Pisa allumfassend gebildet, haben auch sofort angesichts der stolzen 4,4% anerkennend mit dem Kopf genickt.

Mehr als der Spareckzins also. Was mein Gegenüber nach kurzer Überlegungsphase dann auch anerkannte. Und wenn man es genau nimmt, ist das noch weit mehr. Denn natürlich wurde die zu DM-Zeiten als „Lübecker“ bezeichnete Zahl ja prompt zurücküberwiesen. Ergo ergänzen wir die oben genannten Formel um fünf Werkstage und kommen auf eine sagenhaft anmutende Verzinsung von 316,8%. Ein Faktor, bei dem selbst die Herren Fugger vor Neid erblasst wären. Hey, das soll mir mal einer nachmachen.

Solchermaßen nachdenklich gestimmt, reagierte besagter Freund höchst erfreut, als ich in der Yuma Bar dem Veranstalter für einen Wegedienst eine von jenen neumodischen Biobrausegetränken spendieren wollte, bei denen man als Normaltrinkender eigentlich nur „de nada“  sagen kann. „Hey, jetzt ist dein Gewinn wieder weg“, entfuhr es ihm hocherfreut.

Was mich kurz in ein Nachdenken und dann etwas länger in eine Kilometergeldberechnung stürzte. Der Weg von der Bühne zum Tresen betrug – dem Wunsche nach Einfachheit geschuldet – jetzt mal exakt 10 m. Für gewöhnlich erstattet einem der Herr Brötchengeber finanzamtkompatible 0,30 Euronen pro Kilometer. Hm, so ne Nadebio kostet auch bestimmt auch wieder zwei Teuros. Also zwei auf 10 m, 20 auf 100, und 200 € auf den Kilometer. Holy shit! So viel habe ich umgerechnet noch nie jemandem spendiert, wenn man von der Bunkine absieht. Doch der steht das als nahe Verwandte ja irgendwie auch zu.

Das breite Grinsen auf den Gesicht meines Freundes, der mich bei meiner Überschlagsrechnung observierte, blieb nicht von langer Dauer. Denn . Jottseisjetrommeltundjepfiffen, der Herr Gastgeber verzichtete großzügig auf die Einladung mit der lapidaren Bemerkung, er trinke eh auf Kosten des Hauses bei diesen Veranstaltungen. Puh, noch mal Glück gehabt!

Szenen meines Lebens III

Den Täter zieht es immer wieder zurück an den Tatort. Heißt es. Da ich bislang einer Ersttäterschaft nicht verdächtig bin (geschweige dass ich eine Tat begangen habe), kann ich das nicht hinreichend verifizieren. Auch die auf diesem Sektor erfahrenen Damen (Liza Marklund) und Herren (Henning Mankell) von internationalem Ruf haben das nicht immer bestätigt.

Und doch scheint es zu stimmen. Immer und immer wieder zieht es mich hin zu einer kleinen, aber wohlfeilen Lokalität in Friedrichshain. Geradezu magisch angezogen werde ich. Ob das an der Stille des kleinen Örtchens liegt? An dem warmen Licht, dass sich durch die Blätter schlägt? Ist der röhrende Hirsch schuld? Das friedlich nach Eicheln suchende Wildschein? Diese papierene Waldlandschaft schlägt mich immer wieder in den Bann.

Oder liegt es schlicht daran, dass ich in der „Wilden 13“ beim twitternden Barkeeper meines Vertrauens neben körperlicher Labung auch noch Bildungsgut finde? Seine Spreegeflüsternheit musste mich nämlich neulich ob eines Tweets korrigieren. Der beschaulichen Waldlandschaft nach erfolgreich verrichtetem Geschäft den Rücken kehrend und sich wieder gen Tresen mühend, kam mir nämlich folgender Tweet in den Sinn:

Dies scheint offensichtlich doch nicht so der Regelfall zu sein. Oben schon erwähnter Barkeeper frug – aus einer Laune heraus – die aus den Tiefen des hinteren Raumes wieder auftauchenden Holden unvermittelt, ob denn die Papierhandtücher auf ihrem Reservoir der Erleichterungen schon alle seien. Er, als Vertreter des männlichen Geschlechts könne das ja gaaaanz schlecht wissen, da er dieses weibliche Etablissement nicht so häufig betrete. Vor allem dann nicht, wenn Gästinnen anwesend und der Ort in seiner naturgemäßen Bestimmung nach in Benutzung sei. Ergebnis: Nicht selten schamhaftes Erröten. Was tief blicken lässt …

P.S. Auf dem Damenklo soll es Gerüchten zufolge übrigens eine andere Tapete geben als die Waldlandschaft mit Hirsch, Schwein & Co. Ich kann das aber nicht verifizieren.

 

Moderne Zeiten II

Scherzhaft habe ich mich schon mal als Ehrenvorsitzender des Komitees zur Unterstützung notleidender Wirte vorgestellt. Ein Fünkchen Wahrheit ist auch dran, wenn ich den Verlauf des Sommers so passieren lasse.

An andere Stelle habe ich glaube ich auch schon mal festgestellt, dass man in modernen Zeiten lebt, wenn einem die Kneipe seines Vertrauens E-Mails schickt. Ging dabei meistens um irgendwelche Details zu den Contest-Kochwettbewerben, die im Nachgang an das sonntägliche Tatort-Kucken stattfinden. Lustige Runden waren das. Im Alltagssprachgebrauch fungiert die Kneipe daher schon als „gute Tante Maggie“ bei uns. Manchmal auch als Wohnzimmer.

Gestern nun wurde ich vom Inhaber telefonisch vorab informiert, dass sein Laden am Abend geschlossen habe, weil er mit dem Umbau nicht so weit wie gewünscht vorangekommen war.

Nett. Aber irgendwie stimmt mich das schon fast bedenklich, wenn meine Kneipe mir vorschreibt, wann ich vorbeizukommen habe und wann nicht.