Raul

Raul, Raul, warum vergraulst du dich? Die Antwort ist einfach. Er hat als Fußballer alles erreicht. Meister wird er hier nicht mehr. Aus Gründen. Und er möchte noch mal abkassieren. In einer Liga, weniger anstregend als die in Deutschland oder Spanien. Nachvollziehbar. Finde ich. Wenn auch schade für die kommende Saison. Typen wie er bereichern nun einmal die Bundesliga.

Weniger nachvollziehbar finde ich aber den Hype, der jetzt um ihn entbrennt. In einem Atemzug mit den Spielern des Schalker Kreisels genannt zu werden.

Zugegeben. Er war ein Top-Sportsmann, hat La Liga nicht für die Bundesliga getauscht, um abzukassieren, sondern Leistung geboten. Zwei Jahre lang.

Also nur 24 Monate. Und eben deshalb erscheint es mir etwas komisch, warum seine 7 jetzt auf absehbare Zeit nicht mehr vergeben wird. Sollten solcherlei Ehrungen nicht wirklich historischen Spielern vorbehalten sein?

Hmmm….

Eigentlich weiß ich nicht mal mehr, wie wir darauf gekommen waren. Eine Bierlaune war’s. Das mit Sicheheit. „Hm,“ hatte sie am Tresen gesagt. Mehr so Gedanken verloren als wirklich inhaltsvoll. „Wenn du das bei facebook postet“, werde ich dir zustimmen“, hatte ich noch gemeint.  Ein dickes Grinsen hatte ich noch geerntet, ehe sie – der äußerst präzisen Anleitung ihres Freundes folgend – in einem nahe gelegenen Späti in der einen Ladenecke  ein ganz spezielles  Saftmischgetränk und in der anderen Ecke eine bestimmte Sorte Luftschokolade zu erwerben ging. Würde sie machen. Geht klar.

Wenig später war’s dann soweit. „Hmmm“ war da als Eintrag bei Gesichtsbuch zu lesen. Nicht mehr, nicht weniger. Wie verspochen. Und pflichtschuldigst stimmte ich mit einem „Was Yxz sagt“ bei.  Guter Gag. Wir hatten unseren Spaß. Nicht mehr, nicht weniger.

Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten, war das klassische Verhalten moderner Internet-Nutzer. Denen ist egal, worum es geht, sie haben immer und vor allem zu allem eine Meinung. Und kein Mensch kann sie daran hindern, diese auch noch kund zu tun.

Nr.1 suchte verzweifelt den nicht vorhandenen Sinn und verstand nur Bahnhof: „?“, so die Anmerkung. Immerhin, es wurde nicht vorschnell geurteilt. Ein Bienchen  ins Muttiheft, dafür.

Anmerkung Nr. 2 war da – in Zeiten höchster Not müssen Freunde, und seien es auch nur Facebookfreunde – unbedingt zusammenhalten, schon wesentlich forscher. Ein Blick hatte genügt, und der Kenner sich der gar so  verzweifelten Situation angenommen.  „Nich überlegen, .. handeln“, so  der allweise, Orthographie ignorierende Ratschlag des selbsternannten weißen Ritters. Dem natürlich tags darauf noch eine (Selbst-)Bestätigungs erheischende Nachfrage („Hatte recht? Oder?…..“) folgte.

Sechs Kommentare insgesamt. 113 Zeichen wegen Nichts. Tendenz steigend. Typisch Internet eben. Sollte das einem nicht zu denken geben? Hmmm….

Zwiespalt der Gefühle

Ich bin hin- und hergerissen. Was soll ich von Herthas 1:4 gegen die Wölfe halten? Eigentlich bin ich ja ein großer Anhänger von Stadtderby reloaded aka Stadtmeisterschaft2.0. Doch die Häme, mit der das eiserne Lager den Niedergang der alten Dame begleitet, stößt mich ab. Sicher, Fußball ist kein Mädchenpensionat. Gesunde Schadenfreude gehört beim Spiel der Emotionen mit Sicherheit dazu. Und natürlich habe ich auch Witze gerissen. Doch, imho, ist es derzeit eher angebracht, sich eisern zurück zu halten. Schon vergessen, wie es uns zwischen 2003 und 2005 erging?

Und die Wahrscheinlichkeit, dass Hertha sich rettet, sinkt mit jedem Spieltag. Ich weiß. Auch wenn ich an anderer Stelle die Blau-Weißen noch nicht abschrieben habe. Rein statistisch gesehen haben sich seit Einführung der Drei-Punkte-Reglung 40% der Ligavorletzten noch retten können. Also sechs von 15 Teams sprangen dem Tod noch einmal von der Schippe. Im Vorjahr gelang sogar dem Schlusslicht das Kunststück. Es ist also noch nicht vorbei. Egal, wie elend es sich anfühlen mag.

Und Otto, der Fünf-vor-Zwölfte, tut mir fast leid. Dabei mag ich ihn nicht besonders. Was soll er denn jetzt anders sagen, als dass er  nicht aufsteckt? Wenn er das täte, möchte ich das Medienecho sehen, dass auf ihn einprasselt. Jetzt, wo er es nicht macht, gehen jedem die Durchhalteparolen auf den Keks.  Wie man es macht, es ist verkehrt…

Wenn ich die Situation der Charlottenburger heuer mit der vor zwei Jahren vergleiche, habe ich rein subjektiv gesehen das Gefühl, dass das Rehhagel-Team besser drauf ist. Denn es spielt – anders als die Hertha unter Wolfgang Funkel – auf Sieg. Und schon der nächste könnte sie auf den Relegationsrang spülen. Und dann wäre sogar noch mehr drin.

Funkels ewige Durchhalteparolen  („Man muss nicht jedes Spiel gewinnen“) ermüdeten, weil Hertha die ganze Zeit von hinten heraus auf Teufel komm‘ raus eine Aufholjagd starten musste, und jeder flehentlich auf den Startschuss wartete. Er wirkte wie ein großer Zauderer, der die Realität nicht wahr haben wollte. Otto ist von anderem Kaliber.

Wie gesagt, ich bin hin- und hergerissen.

Alte Meister

Foto: Matze Koch

Wie jetze? Der Otto mag nicht mehr? Also Klassiker zitieren? Schade eigentlich. Wo doch allein schon seine Verpflichtung hochgradig nach Goethes Faust roch („Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ – „Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.“). Aber lassen wir das. Er will halt nicht mehr. Wird bei seinem Sendungsbewusstsein, aber eher kaum der bei der Gauck-Wahl fälschlich angewandten Heine-Adaption („Denke ich an Bayern in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“) geschuldet sein. Denn der gute Heinrich H. wurde nicht von den Feinden um seine wohlverdiente Ruhe gebracht. Er sprach nicht von Frankreich, England oder Russland, sondern von seinem Vaterland, welches in munterer Kleinstaaterei vor sich hindilitierte. Aber lassen wir das, Otto hat das bestimmt gewusst. Und zu sagen, frank und frei, dass ihn Hertha NullSechs um den Schlaf gebracht habe, hätte ja nur wieder die Kritikaster auf den Plan gerufen. Von wegen „Flinte ins Korn werfen“ und so.

Halten wir fest. Er will nicht mehr. Und kommen wir zurück zu „schade“. Wenn er nicht will, dann müssen wir halt. Und da er ja mal wieder gewonnen hat, man trotz des Tabellenplatzes nicht mehr despektierlich von König Otto, dem Vorletzten hämen kann man getrost beide Varianten anwenden, ohne übermäßig der Schadenfreude geziehen zu werden. Los geht’s.

Steuermann Rehhagel

Otto Rehhagel!
„Wer ist Otto Rehhagel?“
„Otto Rehhagel war unser Steuermann,
aushielt er, bis die Hertha das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
er  hielt uns oben, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Und weiter im Text:

Der Ring des Ottokrates

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf all seine Ottonen hin.
„Dies alles ist mir untertänig,“
Begann er gar, der Otto-König,
„Gestehe, dass ich glücklich bin.“

Den hier hätten wir auch noch, passend für einen Mann der von sich sagt, dass seine Pläne immer richtig sind:

Erl-König Otto

Wer reitet so spät im LIga-Wind?
Es ist der Otto nebst Hertha-Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Abstieg nicht?
Den Erlenkönig mit Kron‘ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

Und falls es am Ende nicht langt, hier noch „zwei kleine Nachrufe“

Der Pottonter

Sein Blick ist angesichts der Tabelle
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob’s noch tausend Spiele gäbe
und hinter tausend Spielen keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

und:

Der Handschuh

In seinem Stadiongarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Otto,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und droben auf hohem Balkone
Die VIPs beim Risotto.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein blau-weißer Kicker tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der Gegner in schnellem Lauf
Fegt durch den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der blau-weißen Mitte
Nimmt er die Punkte mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Muss die alte Dame den Abstieg schauen,

Nur Otto hält oben sein Gesicht:
»Den Dank, Dame, begehr ich nicht«,
Und verlässt sie zur selben Stunde.

 

 

 

 

 

Szenen meines Lebens X

Alles neu, macht der Mai. Auch wenn wir jetzt schon den Juni haben. Aber früher fingen die Eisernen nun mal  nicht an, dem Spielgerät übenderweis nachzujagen. Also ward ihre schmucke Kollektion auch nicht früher zu bewundern. Doch ich staunte nicht schlecht, als ich nicht nur trendige, neue  Klamottten von Neu-Ausrüster Uhlsport entdecken durfte, sondern eine  – von zugegebenermaßen zwei – BSR-look-a-like-Weste. Eine davon trägt meinen Spitznamen.

Nicht, dass der „Bunki der Woche“ wirklich neu war bei Union. Und eigentlich auch keine Auszeichnung. Doch zuvor war er halt pinkfarben. Und wie es dazu kam, ist von den Kollegen von www.textilvergehen.de hinreichend erklärt. Und weil bei Union alles Neuhaus ist, und nichts so bleibt, wie es mal war, macht der sich dieser Tage doch glatt Gedanken, den „Bunki der Woche“ abzuschaffen und durch etwas Neues zu ersetzen. Stimmt mich irgendwie ein bisschen traurig.

Sommermädels

Ja, doch Sommermädchen, äh Sommermärchen. Auf ein Neues. Und alles schöner und besser. Vor allem hübscher.  Ist ja Frauenfußball. WM. Im eigenen Land. Alles hypt also rum. Beispielsweise ein lokaler Radiosender, der sich heute erdreistete,  sich über die Boulevardblätter dieser Stadt zu mokieren. Warum denn bitte schon die Bundesliga-Spielpläne überall schon zu lesen seien, aber kein einziger WM-Spielplan. Welch Einsatz für die Damen. Wie altruistisch. Und hat überhaupt so gar nichts damit zu tun, dass besagter Sender eine offziziell bei der FIFA lizenzierte Übertragungsanstalt für die Damen-WM ist. Nein, natürlich überhaupt nicht. Das wäre ja im höchsten Maße parteiisch …

Sommermärchen also. Mit Verlaub, gähn! Es wird nicht wie 2006. Es wird nett. Schön. Vielleicht sogar spannnd oder erfolgreich. Aber es wird kein ganzes Land in den Bann ziehen. Da können die gebührenfinazierten noch so sehr rumplakatieren. Und dabei ein klassiches Eigentor schießen. Denn wenn unsere Damen eins hassen und wiederholt öffentlich ablehnten, dann mit dem Profifußball der Herren verglichen  zu werden. Das seien laut Selbstauskunft der Damen zwei unterschiedliche Sportarten!

Doch was machen ARD und ZDF? „Dritte Plätze sind was für Männer“ spielen sie auf die WM 2006 und 2010 an, als Jürgens Klinsmänner und Jogis wackere Löwen jeweisl mit Bronze dekoriert vom Weltturnier zurückkamen. Noch schlimmer ist wohl das Plakatv  „Jungs, wir rächen euch“. An wem oder was denn, bitteschön?  Italien für 2006? Gar Spanien wegen der Euro 2008 oder das Aus im Halbfinale in Südafrika?  Kleiner Schönheitsfehler. Die stolzen Iberer mögen zwar Nr. 1 im Weltfußball der Herren sein. Bei den Damen aber sind sie – wie auch die Kickerinnen von der Apenninhalbinsel – nicht mal qualifiziert …

Urgent

Nun habe ich es schriftlich. Ich mein‘ aj nur, gewusst habe ich es ja eh schon. Vielleicht nicht immer so wirklich wahr haben wollen. Ich bin alt! Scheintot sozusagen. Und so etwas tut echt weh!

Rief ich den nach der Zeit fragenden Kids, die mich höflich siezten, nicht immer ein „Ihr könnt mich duzen“ hinterher? Da wähnte ich mich noch voll geistiger Frische und Gedankenkraft und dann das! Kann doch nicht wahr ein. Hey, ich folge dem Web2.0, auch wenn es nicht begreife. Ich blogge, surfe, bediene Gesichtsbuch ohne Unterlass. Sogar Emoticons verstehe ich meist, ohne sie nachzuschlagen. Ich habe einen Job, der wahrlich nicht dem Nine-to-Five-Modus entspricht und in dem man rumkommt und die Welt sieht. Sogar das Cup der Guten Hoffnungen zuweil. Ich sah mich umgürtet von jugendlichem Elan, dem allein die Anzahl der Lenze leicht widersprachen. Aber die sah man mir nicht zwingend an. Zumindest nicht deren alle!

Doch jetzt hatte ich den Beweis vor Augen geführt bekommen. Vom Gottvater des Infozeitalters, von „Mr. Wikipedia“ höchstpersönlich. Und wem, im Zeitalter der Informationen, soll man denn besser Glauben schenken denn Wikipedia? Eine niederschmetternde Erkenntnis. Nun wurde es zu meinem persönliche Wikileaks!  Beim kurzweiligen Besuch eines Rockkonzertes am westlichen Rande der Stadt wurde mir klar gemacht, dass ich nicht nur ein klein wenig älter als meine hübsche Begleitung gewesen bin, sondern leider doch wirklich im fortgeschrittenen Erwachsenenleben angekommen sein muss. Denn die laute dröhnende Musik, die uns da im Festungsambiente feilgeboten wurde, wird einem bestimmt Genre zugeordnet, von dem ich zwar noch nie zuvor gehört hatte, aber im Namen schon das unausweichliche Grauen klang: Adult Oriented Rock, kurz AOR.

AOR? Was soll das denn sein? Außerordentliche Respektsperson, oder was? Es schüttelte mich. Mit dem Erwachsenenleben ist das ja so eine Sache. Meist fühlt man sich noch jung. Und ehe man sich es versieht, fressen einen Verantwortung, Geldsorgen und Alltagsgeschehen auf. Kein Wunder, dass manch einer sich davor drückt, die Schwelle zu diesem Bereich seines Lebens zu übertreten. Und macht es dann doch. Zwangsweise. Egal wie viel Angst man davor hat. Meist merkt man das auch nicht bewusst. Es ist ein schleichender Prozess, der sich seinen Weg bahnt Das studentische Du konnte dem eine Weile Einhalt gebieten. Aber nicht für immer. Man ist dann halt auf einmal so ein Adult! Erwachsen! Klingt nach Maloche pur, wenig Spaß und viel Verantwortung. Hey, kümmerte ich mich nicht genug um mein Leben? Folge ich nicht den Prinzipien des Hedonismus? Getting as much fun out of your life as you possibly can? Eben. Mussten da die Herren Foreigner und Journey mich so en passant wirklich in so eine Schublade stecken (lassen), nur weil ich auf ihre Musik stand? Also nett ist anders!

Szenen meines Lebens IX

Schon morgens beim Betreten der Redaktionsräume in Hütte schwante mir Unheil. Dieses süffisante Grinsen auf den Gesichtern meiner Kollegen. Hatte ich mein Hemd falsch herum angezogen. Irgendwelche verräterischen Flecken auf der Hose vom Vorabend? Restalkohol? Kurze, unauffällige Überprüfung. Nichts dergleichen. Puh! Glück gehabt.

Das Süffisante steigerte sich ins Sardonische, als ich mich meinem Schreibtisch näherte. Dort lag, fein säuberlich aufgeschlagen mein Artikel des Vortages. Mit einem hübschen Bild wohlfeil abgerundet. Hatte sich die etwas ältere Fotografin-Kollegin, die das illustrieren von schnöden Artikeln so gar nicht mir ihren künstlerischen Neigungen und Ambitionen in Übereinklang zu bringen wusste, mal richtig Mühe gegeben. Was zum Henker sollten also diese nicht enden wollenden Blicke? Tippfehler waren auch nicht im übermäßigen Maß vorhanden. Und das beiläufig Hingeworfene „Ich freu mich schon auf Kuchen“ meines Redaktionsleiters sorgte auch für kein Erhellen in meinen Hirnwindungen.

Die Sekretärin erklärte es mir dann später im Vorbeigehen. Nicht das, was ich geschrieben hatte, sei das Problem. Sondern das Foto. Diese Foto von einem lokalen Großmufti.  Denn es zeige nicht mal nur eben den Berichtsgegenstand. Sondern klar erkennbar auch meine Wenigkeit. Und das sei ungeschriebener Brauch, dass man sich nicht selber als Reporter in der Vordergrund stellen sollte. Ergo werde so etwas mit einer saftigen Backwarenspende redaktionsintern auszugleichen sein.

Ob die gefräßige Bande nur nach einem Vorwand für weitere Stücke frischen Erdbeerkuchens suchte, ließ ich in der Sekunden mal dahingestellt. Ich hatte mir nie darüber Gedanken gemacht. Bis jetzt eben. Fein rein geritten, Frau Künstlerin! Alte Schule, wa? War ja neu hier. Von meinem armen Volo-Gehalt spendierte ich pflichtschuldigst ein sattes Blech. Wollte mir ja nix nachsagen lassen. Zumal ich der einzige Wessi in der Redaktion war. Nicht, dass man es auf die üblichen Dünkel schieben würde. Mitte der 90er musste man bei so etwas im Oderrandgebiet noch aufpassen. Später erhielt ich dann von dritter Seite nochmal die Bestätigung, dass es bei diesem regionalen Aboblatt tatsächlich sich so verhielt. Ganze Generationen junger Kollegen hatten schon die feixenden Gesichter der Altgedienten ertragen und in Nahrungsform Buße tun müssen.

Andere Zeitungen, andere Sitten. Mein Wechsel zum Boulevard kurz vor der Jahrtausendwende lehrte mich eine ganz andere Seite der Branche kennenlernen. Die Fotos mit dem Fußballstar seien ja schön und gut. Sicher, alles irgendwie druckbar. Aber wo bitte sei ich denn? Ich wäre ja nirgends zu sehen. Wenigstens eine  – Vorsicht, Branchenjargon für winziges Beistellbildchen – Briefmarke hätte doch dabei sein müssen. Sichtlich unzufrieden mit mir und der Welt machte sich mein Ressortleiter brummelnd ans Bauen der Seite. Ui, wider was gelernt.

Heute weiß ich, dass das substanzielle Gattungsunterschiede sind. Auch wenn die Grenzen immer mehr verfließen. Bei den Straßenverkaufszeitungen will man dem Leser bewusst vor Augen führen, wie nah man den Schönen und Mächtigen dieser Welt ist. Es ist sozusagen der Foto-Beweis, dass das, was man schreibt, vollumfänglich der Wahrheit entspricht. Unabhängig davon wie bunt und marktschreierisch die Verpackung auch daher kommt. Eine Frage der Glaubwürdigkeit also.Und des mitten drin statt nur dabei seins! Nicht selten schwingt sich ein rasender Reporter  im Dienste des Boulevards sogar auf, und macht all Sachen mit, was die Herren Profis im Alltag absolvieren. Beispielsweise lässt man sich vom Fitnesstrainer der Berufssportler einen Tag lang nach allen Regeln der Kunst malträtieren. Oder tritt im Wettstreite in einer anderen Zunft gegen sie an.

Beide Seiten haben also ihre Daseinsberechtigung. Durchaus. Das ich wiederum noch eine dritte Variante im Laufe meiner Reporterjahre beisteuern würde, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Schuld, so man denn hier von Schuld sprechen kann,  daran waren die Weihnachtsfeiertage 2008. Es ist nicht unüblich, dass in dieser an Nachrichten armen Zeit ganze Artikel von Kollegen fleißig vorgeschrieben werden und der Veröffentlichung harren. Wann immer gähnende Leere im Blatte droht, werden damit flugs die Spalten gefüllt. Oft auch in Abwesenheit des Autoren. Was dann bei manche Redigier-Ungereimtheiten oder nennen wir es freundlich Schussligkeiten immer wieder für lustige Spannungsmomente im innerbetrieblichen Klima  führen kann.

Aber darum geht es diesmal nicht. Denn der Text bei den sehr ehrenwerten Kollegen des Tagesspiegels, der sich mit dem langatmig besungenen und viel gepriesenen Stadionbau des 1.FC Union beschäftigte, war einwandfrei. Zumindest fiel mir nach dem Lesen nichts auf, was es hätte zu beanstanden geben können. Hatte der Kollege D. fein gemacht.

Lustiger aber war die Bildauswahl! Denn mittenmang prangte ein lustiges Bildchen von mir mit einer Schaufel und einem roten „Bluten-für-Union“-Shirt auf der Sport-Aufmacherseite. Der Kollege D. von mir eilends zu Hause angerufen und mit Dank überschüttet, fiel aus allen Wolken. hatten doch seine Mitstreiter sich vom 1.FC Wundervoll eine Handvoll Bildchen gewünscht, mit dem sie den Text zu illustrieren gedachten. Und in diesem Potpourri des Werkelns waren – sozusagen live und in Farbe – Abbilder meiner selbst. Geschossen, als ich im August 2009 zwei Tage seit an Seit mit Pressesprecher Christian Arbeit selber an der schönsten Baustelle der Welt mit Hand angelegt und das natürlich gebührend im Kurier dokumentiert hatte.

Übrigens, ich habe es nochmal geschafft im Tagesspiegel vorzukommen. Na gut, nur ein kleiner Teil von mir. Genauer gesagt die linke Hand. Aber dafür sogar auf Seite 1. Ganz oben in der Ecke!

Und das kam so. Es begab sich nämlich zu der Zeit, als eine in Charlottenburg heimische Mannschaft sich anschickte, den steinigen Pfad des Aufstiegs zu erklimmen, dass ein unbeugsames Häufchen Eisernen nicht aufhörte den Eindringlingen, äh kurz, dem Ganzen temporalen Widerstand entgegenzusetzen. Und dieses Spiel, war das erste Pflichtspiel der beiden im Olympiastadion. Das Interesse war groß. Und die Tickets heiß begehrt. Was einen umtriebigen, fleißigen Kollegen, Archivaren des Augenblicks  und Vornamensvetter auf die Idee brachte, die Bückware doch einmal abzulichten. Ich war gerade im wahrsten Sinne des Wortes mit vier Tickets ins Glück zur Hand – und voila – der Tagesspiegel druckte als Anreißer in der Ausgabe des 5.2.2011 eben jenes Symbolbildchen für das Spiel der Spiele ab. Auch nicht schlecht, oder?

Szenen meines Lebens VIII (nicht zwingend in chronologischer Reihenfolge)

Namen sind Schall und Rauch. Sagte Meister Faust in Goethes gleichnamigem und benutzte dabei den Singular. Also Name, nicht Namen, gelle! Was hier nichts weiter zur Sache tut, allein nur der Vollständigkeit wegen aufgeführt wird. Wichtiger ist die Botschaft, die dahinter steckt. Ein Name allein hilft einem nicht weiter. Er sagt gar nichts aus über eine Person. Er charakterisiert nicht. Er ist vergänglich und austauschbar. Oft zumindest.

Manche Namen sind keine Namen, sondern quasi ein Fluch. Sie kommen daher als regelrechte Sammelbegriffe. Meiner zum Beispiel. Zumindest in meiner Generation. Mathias. In jeder Klasse. Beim Sportverein. Im Kinderchor. Wir kamen in Doppelpack. Oder dreifach! Mindestens! Und so erging es den Michaels und Marküssen dieser Welt auch. Was mich eher wenig tröstete.

Wobei ich meinen Altvorderen und deren verständlicher Aufgeregtheit nach der Geburt ihres Erstlings eine kleine Besonderheit verdanke. Fälschlicherweise meldeten sie mich beim zuständigen Amte mit nur einem „t“ statt der vorgesehenen zwei im Vornamen an. Seitdem laufe ich mit diesem Mangel behaftet ganz gut durchs Leben.

Doch ganz so wie der größte aller deutschen Dichter uns das in Margarethens Garten weis machen möchte, scheint es dann doch nicht zu sein. „Nomen atque omen“ lehrt uns der alte Lateiner. Und nicht umsonst reagieren Menschen recht fünsch, wenn ihr Namen falsch geschrieben wird. Wovon ich anderer Stelle schon mal mein Leid klagte. Namen sind wichtig. „Wer zählt die Völker, nennt die Namen die gastlich hier zusammenkamen„, lehrte uns schon Schillers Friedrich, dass deren Bedeutung keinesfalls zu unterschätzen sei. Noch wichtiger sind da wohl Spitznamen.

Von denen sammelte ich einige im Laufe meines Lebens ein. Nicht immer zu meiner großen Freude. Als Dreikäsehoch  wurde ich von meinem knapp sieben Jahre älteren und mir damals richtig groß vorkommenden Onkel und seinen Freunden immer Matscha-Baby gerufen. Kennen Sie einen Vierjährigen, der noch gerne ein Baby sein möchte? Eben!

In der Schulzeit wurde es kaum besser. Man schaffte es doch spielend meinen Nachnamen mit einer sexuellen Anzüglichkeit zu versehen. Bums-Kuss! Spüren Sie meine Begeisterung? Merken Sie, wie es vibriert? Wehren konnte ich mich nicht. Eine kräftiger Schar jüngerer Dorfbewohner zeigte mir oft und gerne, wer der Kleinste und Schwächste in der Klasse war.

Das zwischenzeitlich von einigen meiner fürsorglicheren Mitschülern eingeführte Bunker erfreute sich nur kurzer Beliebtheit und war nicht groß der Rede wert.

Zu meiner großen Überraschung schafften es unsere angelsächsischen Mitbürger in meiner Internatszeit in Taunton meinem Nachnamen auch eine sexuelle Konotation abzugewinnen. Bunk up! Stand Umgangssprachlich bei den ohnehin nicht als Deutsch freundlich verschrienen Insassen der noblen Bildungsanstalt für Geschlechtsverkehr! Na wenn da nicht Freude aufkommt!

Wer den finalen Namen Bunki für mich aufbrachte, weiß ich nicht mehr. Zumindest nicht genau. Er war auf einmal da. So wie Müller zu Mülli wird. Oder Schmidt zu Schmitti. Bunki eben. Dies war endlich einer, an dem ich Wohlgefallen gefunden hatte. Kein Matze oder so, wie meine Namensvettern nun mal alle geheißen werden. Und bis auf meine Holde, die mich damit richtig zu ärgern weiß, halten sich auch alle dran. Denn Matze? Was ist schon ein Matze? Halb Mensch, halb Katze, oder was? Ne, geht gar nicht. Es blieb beim Bunki!

So spazierte ich ob meiner namentlichen Individualität in der Folge flott und beschwingt durch die Weltgeschichte.
Bis mir mein Herr Vater einmal freudestrahlend mitteilte, dass das doch auch nur ein alter Hut sein. Er und seine drei Brüder wurden zur Schulzeit auch nur die Bunki gerufen. Alte Lateiner eben: – us, i. Masukulinum. Plural wieder auf i. Super!! So weit zum Thema Individualität. Vornamen als Sammelbegriff, Nachname abgegriffen. Kannste echt knicken.

Dirk is calling

Wie? Was? Wo? Nowitzki? Äh, ja. Und warum auch nicht, schließlich war ich, wenn ich so den Blick durch die Besetzungsrunde schweifen ließ, der englischen Zunge am meisten mächtig. Dass dann später doch das Gespräch nur auf deutsch geführt wurde, konnte ja keiner so genau wissen. Und wenn die NBA einem schon mal die Chance einräumte, den Superstar der Mavericks an die Strippe zu kriegen – und sei es nur in einer Telefonkonferrenz – dann sollte man sich die Chance auch nicht entgehen lassen. War zwar nicht mein Beritt, für den bunten Sport haben wir andere Kollegen. Aber manchmal muss es eben sein. Hey, wofür bin ich Sportreporter? Eben!

Nicht, dass ich nicht auch was anderes zu tun gehabt hätte. Aber das musste schon irgendwie hinhauen.

Gesagt, getan. Pünktlich zur angebenen Zeit eingewählt und e voila piepste es auch schon in schönstem Englisch durch die Leitung. Also doch alles richtig entschieden innerbetrieblich. Die Nowitzki-Konferenz? Ja, klar, aber die hat sich eine Stunde nach hinten verschoben. Macht ja nichts, kann ja mal sein. Schade nur, dass man uns nicht rechtzeitig Bescheid gesagt hatte. Aber, also local player sollte man sich nicht zu wichtig nehmen.

60 Minuten später auf ein Neues. Wieder wurde ich London freundlich aufgenommen, gab brav den ID-Code ein und wartete. David Lanz erklang nun aus dem Hörer. Take the high Road, fand den Weg in meine Ohrmuschel. Und sollte in den kommenden Minuten mein treuer Wegbegleiter sein.

Hatte ich ein paar Minuten gesagt? Nun ja, kleiner Irrtum vom Amt. Ich solle auf jeden Fall in der Leitung bleiben, es ginge bestimmt gleich los, quäkte es erneut aus dem Hörer, ehe mich Herr Lanz wieder mit seinen Klängen beglückte.

17.12 Uhr die nächste freundliche Erwähnung, dass es nun mit Sicherheit gleich losginge. In the meantime, some Jazz. Zur Abwechslung mal „Take the high Road“. Auch nicht schlecht. Und lange nicht gehört.

Kaum  20 Minuten und ein paar weitere Takte von Herrn Lanz später erfreute die sonore Stimme eines NBA-Pressesprechers mein Herz. Hey, endlich. Geht also los. Und nicht mehr dieser quäkige Operator. Man suche gerade nach Dirk. Der sei kurz frühstücken. Okay, kann man verstehen. Ohne Mampf keinen Kampf. Und drüben hinter dem großen Teich war es ja erst 10.30 Uhr. Aber um 17.45 Uhr unserer Zeit werde es gleich losgehen. Man bitte um Verständnis für die leichte Verzögerung. Etwas Musik zwischendrin?

17.45 Uhr, 17.46 Uhr, 17.47. Ein Quäken. Jappadappadu! Dirk? Bist du es? Nein, natürlich nicht. Wie konnte ich nur so ungeduldig sein? Der NBA-Spokesman bat einen auf keinen Fall aufzulegen. Man sei gleich soweit. Klick. Kurze Stille. Hatte ich Herrn Lanz schon erwähnt?

Um der Wahrheit genüge zu tun, die Warteschleife offerierte auch andere musikalische Delikatessen im lockeren Swing-Style. Aber, Sie ahnen es bereits, immer wieder diesen Herrn Lanz, der mittlerweile aus dem – um meinen mittlerweile einzuschlafen drohenden Arm zu entlasten – auf Lautsprecher geschalteten Telefon drang. Etwas befremdete Blicke trafen mich aus dem Vorderzimmer, wo die Kollegen weiter fleißig an der aktuellen Ausgabe des KURIERs werkelten. Ob ich denn nicht endlich diese nervtötende Musik abstellen könne? Es sei ja schön, dass das mein Lieblingslied sei. Aber man habe zu arbeiten!! Sicher. Gerne doch. Kann mal einer das Frühstück von Herrn N. unterbrechen, bitte?

Draußen brannte munter weiter die kleine gelbe Sau durch die Fenster der 14. Etage. Mittlerweile war mein von Haus aus beträchlicher Wasservorrat zu Neige gegangen. Meine Blase meldete sich mit einem recht menschlichem Bedürfnis. Doch, nein, hier hieß es hart bleiben. Ich durfte doch Dirk N. nicht verpassen, nur weil ich mal eben für kleine Königstiger … Ne, auf, keinen Fall. Wenn sich einem schon mal so eine Chance bietet. Da musste ich durch.

Die Kollegen sparten auch nicht mit freundlicher Nachfrage, so sie denn mal den Kopf von ihren Bildschirmen auf- und zwischen der Tür durchstreckten. „Und? Sagt er was? Was denn? Wie jetze? Immer noch warten?“

Nun gut, mitsummen konnte ich es bereits, zumindest für einen vortrefflichen Karaoke-Vortrag hätte es langen müssen, als dann um 17.58 Uhr – also quasi pünktlich – der große Superstar Dirk Nowitzki an der Strippe war. Und er war eine Seele von Mensch. Mein dringender Wunsch, Wasser zu lassen, muss sich mental auf die lange Reise über den Ozean bis hin ins sonnige Florida gemacht haben. War irgendwie verdunstet, jetzt wo die ultimative, alles umfassende Fragerunde endlich losging. Nach kaum 13 Minuten war der Spuk vorbei und ich um die Erkenntnis reicher, dass er unbedingt gewinnen wolle. Also jedes Spiel.  Überraschend, aber gut, dass man mal darüber gesprochen hat, Dirk.