Ach was waren das für Zeiten

Ach war das noch schön. Eine Dreipunktegarantie. Zumindet hat es sich so angefühlt, Woche für Woche. Da konnte man die Kleinigkeit  mit Europa und so verschmerzen. Gab ja regelmäßig erst im Halbfinale auf die Fresse. Gefühlt zumindest. Und heute? Da zittert man schon  vor Schalke.

Szenen meines Lebens VI

„Wie kannst du eigentlich?“  In der Stimme des Kollegen schwang ein Unterton mit, der zwischen aufrichtiger Empörung und ehrlichem Unverständnis hin und her pendelte. „Du bist doch sonst so für die Kleinen.“

Mit den Kleinen meinte der hochgeschätzte Kollege nicht die einstmals von Berti Vogts so titulierten Länderauswahlen schwächerer Nation, sondern den FC St. Pauli. Und natürlich auch den 1. FC Wundervoll, von dem hier ab und zu schon mal die Rede war.

Mit letzterem beschäftige ich mich ja seit ein paar Jahren. Genauer gesagt seit etwas mehr als einer Dekade. Und wenn man da so tut – und bei mir ist das ja auch hauptberuflich der Fall – bleiben dir nur zwei Möglichkeiten offen: Du hasst ihn. Oder du fängst an, dich zu verlieben. Und zwar so, wie es Altmeister Nick Hornby einst formulierte: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: Plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“

Aber dies heute ist ja nicht eine Geschichte über den 1. FC Wundervoll. Sondern es geht um was anderes. Um jemanden ganz anderen. Um den FC Bayern München. Ja, ich bin Bayern-Fan. Doch das kommt nicht von ungefähr.  Ich wurde plötzlich und unvermittelt zum Fan des (heuitigen) deutschen Rekordmeisters. Ich verliebte mich ohne Vorwarnung in meiner Jugend unbeschwerten Tage. Und sollte damals nicht ahnen, dass eine Menge Schmerz auf mich zukam. Ja, richtig gelesen. Schmerz! Plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken. Denn ich, und damit schließt sich der Kreis zu den Kleinen, bin ein Misserfolgsfan. Ein Misserfolgsfan des FC Bayern. Geht nicht, sagen sie? Und ob das geht!

Denn meine erste bewusste Wahrnehmung des deutschen Vorzeigeklubs war unschön. Mein Altvorderer war ob seiner Jugendzeit und des mehrfach genossenen Anblickes der Herren Seeler (Uwe und Dieter), der Dörfels & Co. HSV-Fan geworden. Ich sympathisierte mehr mit St. Pauli. Was weniger einer Kenntnis des Kicks noch kindischem Trotz geschuldet war, als vielmehr der Freundschaft zu einem im nahen Hamburg lebenden, ein Jahr älteren Freund. Der Michi spielte damals nämlich in der Jugend des Kiezklubs. Und ich, voller Bewunderung für den Älteren und am Ball so Geschickten, war Feuer und Flamme für die Jungs vom Millerntor.

Doch dann eines Tages, so kurz nach der WM 1974, die ich eher so semi-mäßg mitverfolgt hatte (ich weiß bis heute nicht, ob ich das Finale wirklich am Fernseher gesehen habe oder nicht), saß ich nach dem samstäglichen Bade mit meinem Vater vor der Sportschau. Es störte noch kein „Guten Nabend allerseits“, der pure Ball rollte kompakt über die Mattscheibe. Und ich verfolgte fassungslos das Ergebnis des ersten Spieltages: Es lautete Kickers Ofenbach 6, der Gegner 0! Mitleid erfasste mich mit diesem Team, das da eben so brutal verprügelt worden war. Was wusste ich schon von Schäfers Winnie, von Siggi, „dem“ Held-igen, oder gar Erwin Kostedde, der der erste dunkelhäutige deutsche Nationalspielerwerden sollte. Ich hielt ehrlichen Herzens zu den Unterlegenen. Zu dem Klub, von dem ich noch wochenlang im Brustton der Überzeugung sagen würde, es wäre der FC Bayern Mönchengladbach gewesen, der da so eine Abreibung verpasst bekommen hatte.

Dass der FC ruhmreich zu München gerade einen Dreifachtriumph in der Bundesliga hinter sich hatte, dass er als erster deutscher Klub den EC I – aka Europapokal der Landesmeister – nach Deutschland geholt hatte, war mir unbekannt. Dass sie ihn sich im Laufe der Spielzeit 74/75 noch ein weiteres Mal sichern würden, bekam ich kaum mit. Mein ehrenwerter alter Herr, ein preußisch-korrekter Beamter, stopfte mich des Abends immer zeitig ins Bett. Und so bekam ich die Spiele – so sie denn überhaupt im TV zu bewundern – nicht wirklich mit.

Ich war aber begeistert vom Fußball, übte ihn all jener Leidenschaft aus, zu der ein unbedarfter 8-Jähriger halt fähig war. Ich war viel zu klein für die allzu kräftige dörfliche Landjugend, technisch unbegabt und zu ungeduldig. Kurz ich konnte nicht kicken. So wurde ich – welch Schmach – beim Spiel mit den Straßenjungs immer als Letzter gewählt (wofür ich aber immer live den Radiokommentator geben musste. Darauf bestanden sie alle. Und es war vielleicht schon ein Fingerzeig für meinen späteren Berufswerdegang. Wenn ich nicht draußen voller Inbrunst dem runden Leder nachkommentierte, spielte ich mit meinem Subboteo ganze Meisterschaften nach. Ich bastelte Tabellen und füllte sie freudvoll und mit einer Akribie aus, derer mein Klavierlehrer froh gewesen wäre. Und was für tolle Mannschaften tobten bei mir durch die Bundesliga. Tennis Borussia Berlin, RW Oberhausen. Der Wuppertaler SV. Ja sogar  Barmbek-Uhlenhorst! (Dass ich mit denen später noch mal eine Begegnung im RL haben sollte, ist eine andere Geschichte und soll ein ander Mal erzählt werden). Und natürlich spielte auch der FC Bayern mit. Muss noch erwähnt werden, dass er die zahlreichen Schlachten stets für sich entscheiden konnte? Mit so realitätsnahem Ergebnissen wie 7:4, 9:1 oder 3:2. Nach 0:2-Rückstand versteht sich.

Und dies ganz im Gegensatz zu den realen Münchnern. Die dümpelten in der Liga vor sich hin, lagen zur Halbserie kurz vor einem Abstiegsplatz. Es war wahrlich kein Vergnügen, den Kicker zu studieren, um den ich mich, kaum aus der Schule nach Hause geeilt, zwei Mal die Woche mit meinem Altvorderen balgte, wer ihn denn zuerst lesen dürfte. Mein Herr Vater gewann meist. Und sei es mit dem Argument, er hätte ihn schließlich bezahlt.

Nun ja. Konnte ich nix gegen vorbringen. Ich saugte die Informationen halt etwas später auf. Egal wie unschön sie sich auch darstellen mochten. Und davon gab es anno 74/75 viele. Es ging ein späterer Altmeister, der heute beim DSF seinen Rotwein verdient, es kam ein Napoleon.

Was nicht kam, war der Erfolg. Kein Trost für meine Tränen. Rang 10 zum Abschluss, alles andere als ein Ruhmesblatt. Dass dieser Tiefpunkt drei Spielzeiten später noch locker zu unterbieten war, hielt mich nicht davon ab, dem Klub weiter die Treue zu halten. Mir doch egal, wenn all die anderen Jungs von den Mönchengladbachern schwärmten, deren Vorname, das wusste ich jetzt dann doch, Borussia lautete und nicht Bayern.

Ich liebte und ich litt. Lange, lange Jahre. Der Kaiser flüchtete nach New York. Der Uli Hoeneß bekam seine Knie nicht mehr in Ordnung und nebenbei eine Glatze. Gerd Müller trank lieber bei den Fort Lauderdale Strikers. Eine gewisse Rummelfliege trieb ihr Unwesen und ward noch nicht zu dem Stürmer gereift, der ihn zu zwei Vizeweltmeisterehren führen sollte. Peinliche Pokalpleiten zu Hause gegen Osnabrück (4:5 am 23.09.1978) erschütterten mich nicht. Ich blieb im Glauben fest.

Und wurde dann doch endlich, endlich belohnt. 1980 war es dann soweit. Nach sechs Jahren der Titelabstinenz ging die Salatschüssel endlich mal wieder nach München. Meine schier ewig andauernde Leidenszeit war vorbei. Sechs Jahre waren für einen kleinen Jungen, der den Klub und das Spiel liebte, eine verdammt lange Zeit.

Da habt ihr es also. Ich bin ein Bayern-Fan. Bis heute. Aus tiefster Überzeugung. Aber geboren wurde ich im Kummer, lange wandelnd am Rande des Abgrunds. Und stets übergossen mit dem Spott derer, die den Fohlen huldigten oder es „nordisch by nature“ mit dem HSV und Kevin Keagen hatten.

Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust

Es gibt so Dinge, die passen für gemeinhin nicht zusammen. Feuer und Wasser,  Tag und Nacht, Frauen und Männer. Im Fußball ist es auch nicht anders. Der FC Bayern zum Beispiel und der 1.FC Wundervoll aka 1.FC Union Berlin. Hier der Deutsche Rekordmeister, dort der Unterhund aus dem Südosten unseres bezaubernden Berlins.Hier der millionenschwere Vorzeigeklub aus dem Süder unseres Landes mit gefühlt einer Million Mitgliedern, dort der ewig klamme, finanziell stets auf der Rasierklinge tanzende Arbeiterklub, der noch nicht mal 6000 Mitglieder zählen darf (auch wenn er hart daran arbeitet). Hier Kommerz pur mit einem,  geben wir den Kind mal einem netten Namen, traditionell eher zurückhaltenden Publikum, dort ein Anhang, der den Kick pur will, Events ablehnt und sich ewig übt im dem Spagath zwischen notwendiger Marketenderei und Professionalisierung.

Das ich dieses Erfolgsunternehmen Namens FC Bayern und das ewige Stehaufmännchen 1. FC Union mal gemeinsam auf einem Fanschal verewigt sehen würde, hätte ich mir so nicht träumen lassen. Meine beiden Lieblinge in trauter Zweisamkeit. Der Stern des Südens und die Eisernen. Nicht nur beim gemeinsamen Kick gestern Abend, sondern halt auch auf dem wärmend Tuch für schnupfenanfällige Hälse an kalten Tagen. Ich mag den Schal. Auch wenn seine Farbe einen Touch zu viel Weinrot enthält. Genau das richtige für Stadionbesuche in der AllianzArena. Falls ich es endlich mal wieder dahin schaffe.

Ich weiß, was ihr letzten Mittwoch getan habt

„Weichei.“
„Warmduscher.“
„Muttiküsser.“

Der nicht mehr ganz so junge Mann in den Reihen hinter uns ließ an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig. Dass er seine liebevollen Worte ganz offensichtlich primär dem Gegner und sekundär dem Schiedsrichter gewidmet hatte, war nicht zu überhören. So isser halt der Fußball. Von der Kreisklasse hin bis zur europäischen Bühne. Überall ein einig Volk von vor sich hin proletisierenden Fans.

„Kauf dir einen Blindenhund. Oder zwei!“
„Hey, Schiri. Wenn ich Aua brülle, pfeifst du dann auch!“

„Geh‘ zum Puppentheater.“
„Kasperkopf.“
„Oh, geht doch.“ (Nur zur Erläuterung: der am Boden liegende -Preussen-Akteur war unverhofft von einer Wunderheilung betroffen und unvermittelt wieder aufgesprungen, als das Bällchen in seine Nähe kam)

Doch, doch, als das gilt immer noch oben gesagten Protagonisten. Obwohl sein eigenes Team eine Perfomance an den Tag legte, wo oben aufgeführte „Lobpreisungen“ eher noch geschmeichelt gewesen wären. Wer genaueres über diesen Spieleabend wissen möchte, schlage nach bei LaLamm, der ich hiermit ausdrücklichst und auch im Namen meiner Anverwandten für die Illustration danke.  Immerhin war der Ggener ja nur ein fünftklassiger Beinaheabsteiger. Und die unsrigen ein aufstrebender Bald-Zweitligist. Da kann man schon mal …

Aber lassen wir das.

Schlimmer noch als die Vorstellung, die ja wenigstens traditionsgemäß endete, war dann der weitere Verlauf des Abends. Da  wurde eine illustre Aneinanderreihung von  Fehlerketten als Champions League präsentiert, die einem E-Jugendteam zur Ehre gereicht hätten. In den Hauptrollen: Minimo Oddo, Geh Roberto, Dämlichelis, Christiane Lell, (die nicht mal von Turbine Potsdam bei einer pekuniären Zuwendung in Höhe von 10 Millioen Euro verpflichtet werden würde). Es war so schlimm. Da brennote es an allen Ecken und Enden.  Mark van Bummel tanzte den Unzulänglichkeits-Limbo, trefflich assistiert von dem Herrn Schweinsteher.

Sagte ich Hauptrollen? Tschuldigung, Waren wohl eindeutig Nebenrollen in dem ibero-franco-argentinischen Streifen: Gibst du mich Ball, mach‘ ich dich Messi!

Ich konnte gar nicht so viel trinken, wie ich gekotzt habe.

Und bevor hier jetzt jemand sagt, dass alles hätte schon vor Tagen publiziert werden müssen: Stimmt. aber ich habe mich bis heute nicht von der blutarmen Vorstellung erholt.

And the Oskar goes to …

München. Doch, doch. War so. Denn als ich am Samstag in der früh in Tegel kurz vor Gate 11 in meine Morgenmuffelei vertieft war, kam er mir entgegen. Kosches Oskar nämlich. Für diejenigen unter Euch, die ihn nicht kennen, seinen Tätigkeitsbereich findet ihr hier:

„Das Spiel in Burghausen fällt doch aus, Bunki., Du musst nicht fliegen“, begrüßte er mich.  Guter Beginn des Tages, dachte ich so bei mir. Wenn jetzt sogar ein entschiedener Anhänger der nordkoreanischen Informationspolitik, also jemand der von Hause aus des Sprechens nicht gerade  mächtig verdächtig ist,  mich mit fröhlichen Scherzen überzieht, konnte der Tag ja noch lustige Formen annehmen  (Nahm  er dann auch, aber anders, als ich ihn mir vorgstellt hatte.)

Indirekt hatte Oskar ja den eigentlichen Grund meines Flughafenaufenthaltes skizziert. Denn in der Tat war mein Lufthansa-Ausflug LH 217 von seinem Ursprung her der Drittligapartie zwichen Wacker Burghausen und dem 1. FC Union geschuldet gewesen. Die entfiel nun leider. Und damit auch die nachhaltige Nutzung meines Tickets (Umbuchen ging tarifbedingt nicht bzw wäre zu teuer gewesen). Kurzerhand hatten wir in der Redaktion umdisponiert. Flug nutzen, ab nach München zu den Bayern. Wohin auch eingangs erwähnter Kosche  übrigens unterwegs war.

Mein zu asolvierender Aufenthalt beim ruhmreichen FCB war chefflicherseits – nein, Fußballer und ihre Reporter sind nie, niemals, nicht abergläubig – auch einer mit Hintersinn. Hatte ich doch am Wochenende zuvor meine Pechvogeleigenschaft hinlänglich beweisen, als ich meinen FCB erstmals in der Spielzeit  – sozusagen live und in Farbe – im Olympiastadion hatte betrachten dürfen. Mit einem aus meiner und bajuwarischer Sicht niederschmetternden Ergebnis. Diese neu und bitter zu Tage getretene Eigenschaft wollte sich mein Boss – seines Zeichens glühender Hertha-Fan –  nun zu nutze machen.

Bitte, wirst schon sehen, was du davon hast, dachte ich in meinem nicht mehr ganz so jugendlichen Leichtsinn. Zweimal hintereiander kann man nicht so schlecht aussehne, glaubte ich. Immerhin war doch der Lell-Effekt vorbei, Oddo wieder dabei. Nur hatte ich dabei Punkt 3 der 21 Punkte aus Dürrenmatts „Die Physiker“ nicht  ausreichend bedacht.

In der AllianzArena kann man sich übrigens mit süßen Gummitieren verlustieren. Rote Fruchtgummibären gepaart mit allerlei lustigen Trophäen.

Kundige Beobachter der Szene werden das Manko schon ausgemacht haben. DFB-Pokal? Ja, vorhanden. Meisterschale? Ebenfalls zum Verzehr freigeben. Allein es fehlte die Krone der Kronen, der Champions-League-Pott!

Nochmal es mangelt an der höchsten Trophäe des euopäischen Fußballs!

Wie so frug ich mich, soll das dann gelingen, dieses große Unterfangen? Wie, wen man schon  von vornherein es an kleinen Dertails scheitern lässt? Hä? Eben! Als kein Geheule hinterher, wenn es man wieder schief gegangen ist.

Und ach ja, bevor ich es vergesse. Wenn ihr so weiter macht wie gegen Köln (1:2), könnt ihr spätestens Anfang März auch die gelben und weißen Fruchtgummitteile aus den Schüsseln entfernen.

Lattek auf Votavas Spuren

Nun kommen sie wieder die Experten. „Dreierkette, Viererkette, Halskette“, schwätzte Udo Lattek im DSF nach dem peinlichen 2:5 gegen Bremen daher. Für ein gewolltes Bonmot nicht mal gut, weil unrhythmisch. Das hatte der GREUMaZ* bei Union, Mirko Votava, seinerzeit schon mal besser drauf. Dsprach dann immer von Perlenkette. Was bei der Reihung phonetisch durch die zusätzliche Silbe einfach besser klingt, aber auch damals schon nicht wirklich davon ablenken konnte, dass Votava als Trainer bei den Eisernen völlig überfordert war. Aber er war ja, wie er in einem zornigen Gespräch gegenüber Fans bekundete, der Europameister, nicht Kreismeister. Und ganz, ganz sicher ist es auch nur üble Nachrede, dass MIKRO Votava Abend bei der Video-Vorführung eines Europapokalpieles von Atletico Madrid vor seinem kickenden Personal aufsprang und immer wieder auf einen Schnauzbart tragenden Spieler am Bildschirm hinwies. „Da, das bin ich.“

*Größter Reserve Europameister aller Zeiten