Stuttgart ist nicht schöner als Berlin

Es ist elf Jahre her und doch erscheint es mir wie gestern. Zum zweiten Mal war ich  während der WM  in Stuttgart gestrandet. Beim ersten Mal konnte ich wenigstens noch einen  sich in Speiübungen ergehenden David Beckham bestaunen.Sieht man ja auch nicht alle tage.  Beim zweiten Mal  endete das Sommermärchen leider nicht wie erhofft in der Hauptstadt, aber mit einem versöhnlichen 4:2 gegen  Portugal. Und ja, es ist und bleibt das Sommermärchen. Denn  diese Gastfreundlichkeit, Weltoffenheit  und Stimmung während des Turniers wird imho nicht geschmälert vom Skandal um die WM-Vergabe. Das eine hat mit dem anderen nix zu tun. Doch zurück zu Stuttgart. Gefühlt 100 000 standen da auf dem Schloßplatz und stimmten ein vielkehliges  „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“ an. Was mich seinerzeit inhaltlich schon arg verwunderte. Kann es etwas größeres geben als ein Finale? Egal, dieser  Mythos des schöneren Stuttgart wird seit jeher konterkariert, da der Prenzlauer Berg ja von Schwaben kolonialisiert wurde. Was wollen die denn alle hier, wenn es angeblich zu Hause ach so viel schöner ist? Eben. Halten wir fest: Berlin, auch wenn der gebürtige Schwob Jens Keller das in Unions Pressekonferenz vor dem Hit gegen den VfB noch nicht so gescheid rüberbringen konnte,  ist viel schöner als Stuttgart. Und nun ist es  an den Eisernen zu zeigen, dass Berlin auch besser ist.

Axel, Achim und ich

Achim Mentzel ist tot. Sollte mich eigentlich gar nicht so berühren. Tut es aber doch. Ja, ich weiß, dass er verantwortlich ist für eins der großen Union-Lieder „Stimmung an der Alten Försterei“.

Auf einer grünen Wiese zwei Tore aufgestellt und zwischen diesen Toren der schönste Platz der Welt.  Angriff – Unioner stürmen vor den Ball hinein ins gegnerische Tor“

Doch heute berühren mich weniger diese Zeilen. Denn auch wenn  ich sie kenne und auswendig mitgröhlen könnte, ist es eine andere Begegnung mit ihm, an die ich zurückdenken muss. Damals in Hütte.

Seinen künstlich mit Oliver Kalkhofe vom Zaun gebrochenen Streit, der hat mich seinerzeit schon amüsiert. Entertainment vom Feinsten. Nicht ernst zu nehmen,

Ich bin ihm irgendwann zwischen. 1996 und 1998 begegnet. In Eisenhüttenstadt. Im Tonstudio von Axel Titzki saßen wir zusammen. Ziel: Eine Hymne für den Verein in Deutschland zu entwickeln, dem nicht mal der FC Bayern das Stadion füllen würde. So zumindest war Kalle Kassel, seinerzeit Co-Trainer des Regionaligisten EFC Stahl, davon überzeugt. Und lag damit über Kreuz mit seinem direkten Boss Harry Rath. Aber egal, lassen wir das.

Wir saßen da bei Axel. Scherzten, tranken Kaffee. Und mittendrin wurde immer wieder ein Take aufgenommen. Ich hab die Zeilen noch bis heute im Ohr. „EFC, Schenk uns einen Sieg, EFC, bis das Stadion bebt, EFC, die Fans stehen hinter dir. EFC, auf zum Sieg. “ Es wurde kein Gassenhauer. Aber es war authentisch. Was Achim machte, da kniete er sich rein. RIP

Die Wahrheit hinter Unions scheinbarem Niedergang

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Herbstzeit. Das Laub fällt und Union wenig ein. Die rot-weißen Fußballgötter dümpeln in der Liga vor sich hin. Und hier im Wandererzwischendenwelten.de,, aber auch wirklich nur hier, wird jetzt die ganze bittere Wahrheit verkündet. Nein, es liegt nicht daran, dass Dirk Zingler die Parole ausgegeben hat, er wolle Uwe Neuhaus nächste Saison nicht hier in diesem Stadion sehen. Und da Union ja nicht die Flucht nach oben antreten kann und Dresden sich dem Aufstieg nur noch durch einen kollektiven Massenselbstmord entziehen kann, führt der einzige Weg aus diesem Dilemma schnurstracks nach unten. Dresden und Union müssten sich die Klinke sozusagen in die Hand gebe.

Nein, das ist nicht der Grund. Das ist ein böser Scherz. Ein ganz böser sogar. Aber Zingler ist trotzdem nicht ganz unschuldig. Er hat seinem neuen Coach Sascha Lewandowski nämlich einen ganz klaren Auftrage an die Hand gegeben: „Ich will endlich einmal ein Heimspiel im DFB-Pokal haben.“

„Wird gemacht, Chef“, hat da der Sascha, das alte Ruhrgebietskind, gesagt. Dein Wunsch ist mir Befehl. Und weil er sich trotz seiner erst kurzen Verweildauer im Südosten unserer geliebten Stadt gut in die Union-Geschichte eingearbeitet hat und daher weiß, dass die Eisernen in Runde eins immer ein Freilos sind, gibt es nur einen gangbaren Lösungsweg. Union muss die laufende Saison als 15. abschließen. Dann kämen die Köpenicker bei der Auslosung automatisch  in den Amateur-Topf und somit zu einem Heimspiel. und das  womöglich auch noch gegen einen Bundesligisten. Vor Zinglers geistigem Auge rollten Derbyszenarios ab. Oder die Bayern. Stimmung an der Alten Försterei …

So weit, so gut. Wenn da nicht ein gewisser  Oskar K. (Name der Redaktion bekannt) in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Stadionbetriebs AG mahnend  die Hand gehoben hätte. „Cheffe“, sagte er ganz unaufregegt, „Cheffe, so geht das nicht. Wir haben viel zu wenig Heimspiele hier. Nicht genügend Veranstaltungen. So kann das Stadion nie Gewinn abwerfen.“

Zingler, ganz Kaufmann, grübelte. Verflixt, das hatte der Betonfürst nicht bedacht. Aber auch da hatte der Sascha sofort ein Lösung parat. Freudestrahlend verkündet er den Königsweg. „Die Relegation, Cheffe. Platz 16. Heimspiel im Pokal und ein Heimspiel gegen Großasbach. Die haben doch diesen Manager von Andrea Berg als Sponsor“ Zingler strahlte. Ein echtes „Schlager“-Spiel vor Augen zu haben, kann ja nur Jubelstürme auslösen. „Macht!“, so sein einziger Kommentar.  (Foto: Matthias Kern)

 

Viel Spaß

„Viel Spaß.“

Danke. Äh, bitte was? Nun gut letzteres hatte ich nur gedacht. Aber es irritierte mich jedes Mal, wenn ich im Stadion an den Ordnern vorbei zu meinem Arbeitsplatz eilen wollte.  Spaß?

Sicher, es war ja nur lieb gemeint.  Eine freundliche Geste halt. Natürlich wünscht sich jeder Stadiongänger gute Unterhaltung. Logo. Und ich möchte jetzt hier mal ganz außen vorlassen, dass man als Reporter dort zum Arbeiten ist und nicht als Fan. Doch selbst die Journaille liebt einen gepflegt.kurzweiligen Kick mehr als schnöden Punktekampf zweier sich aneinander abarbeitender Teams. Der Spaßfaktor spielt also auch ohne echte Leidenschaft für den Gegenstand der Berichterstattung eine nicht unerhebliche Rolle.

Was mich störte waren eher zwei andere Faktoren. Erstens ging es hier um Union. Man geht da nicht hin, weil man sich unterhalten lassen will. Für schönen Fußball stehen die anderen. Union ist Arbeit. Arbeit ist mühsam. Und  wenn sie am Ende des Tages erledigt ist, kann man mit Wohlwollen darauf blicken. Aber Spaß? Den erwartet der geneigte Anhänger der Köpenicker eher weniger.

Zudem war es Fußball. Keine leichte Unterhaltung, kein fucking Event, kein Kino, kein Theaterbesuch, kein Konzert, bei dem man von vorneherein dem Dargebotenen etwas abverlangt. Eine gute schauspielerische Leistung meinethalben. Ein tiefgründiges gesellschaftliches Problem, dass mit den Mitteln der Kunst einem näher gebracht wird. Auch wollte man sich nicht in heißen Rhythmen wiegen oder alkoholgeschwängert ein Liedchen mitträllern. Spaß ist da oft relativ und zudem abhängig vom Ergebnis.

Neiiiiin, verdammt noch mal. Union ist eine Sucht, das ist das Lechzen nach dem allwöchentlichen Adrenalinkick, dem nächsten Schus. Es ist eien Abhängigkeit. Das schnöde Wissen, dass ein dreckiges 1:0 in der Schlusssekunde einen viel mehr befriedigt als eine kunstvolle Unterhaltungsshow es jemals kann. Es ist oft wie ein Autounfall, man kann einfach nicht wegblicken.

Spaß? Ne, das passt einfach nicht.

 

Der Bunkine erster Streich

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Fotos: Bunkine

„Lass sie doch mal was schreiben.“

Bitte, was?

„Na ja, wenn sie mit dir der Pressetribüne sitzt, kann sie doch mal schreiben, wie ihr das Spiel gefallen hat.“

Hm. Stimmt eigentlich. Christian hatte da völlig Recht. Wenn schon, denn schon. Und ich musste das noch nicht mal forcieren. Denn Stift und Notizen bewegten sich beim letzten Heimspiel wie von selbst. Unaufgefordert. Scheint irgendwie etwas von meinen Genen abbekommen zu haben, die Gute.

Der geneigte Leser ahnt es vielleicht bereits, wovon hier in dem kleinen Gespräch zwischen Unions Pressesprecher und mir die Rede ist. Und ich will ihn auch nicht groß auf die Folter spannen. Es folgt ein Gastbeitrag im Wanderer, sozusagen der Bunkine erster Streich:

Als Fabian auf einmal Stürmer war …

Freudige Erwartung, Fangesänge auf den Tribünen, Freudenschreie – So könnte man den Nachmittag in der „Alten Försterei“ beschreiben. Das letzte Spiel der Saison für Union, dazu noch im heimischen Stadion und mit einem Wetter, wie es im Buche steht. Was passte denn da besser als ein Sieg? Ein Sieg als krönender Abschluss einer doch recht durchwachsenen Saison, ein Sieg als ein Zeichen, dass Union jedes Spiel ernst nimmt. Und als hätten sie die Wünsche der 21.717 Zuschauer vernommen, legten sich die Eisernen ins Zeug. In der ersten Halbzeit konnte man zwar noch nicht viel davon sehen, denn weder Braunschweig noch Union erzielten ein Tor. Chancen gab es auf beiden Seiten genügend, doch der Ball schien eine gewisse Phobie zu haben. Ob vor dem Tor oder dem Torhüter selber war nicht klar. 0:0 lautete der Zwischenstand zur Halbzeit, was nicht weiter tragisch, aber dennoch ernüchternd war. Denn es ging, im Gegensatz zu sieben anderen Partien, weder um den Ab- noch um den Aufstiegskampf. Doch das sollte Union doch eigentlich nicht davon abhalten, trotzdem Gas zu geben?

Fabian Schönheim war es schließlich, der sich entschied, noch mehr Jubel auf den Rängen hervorzurufen, die in der Halbzeitpause mucksmäuschenstill gewesen waren, als Christian Arbeit den Brief der Eltern der 18-jährigen Hanna, die in Wuhletal ermordet worden war, vorlas. Doch nun war der Geräuschpegel wieder gestiegen. Meilenweit von seiner eigentlichen Position entfernt, funktionierte er sich selbst zum Stürmer um und hämmerte den Ball ins Netz (48.).

Braunschweig? Geschlafen in Decarlis Fall, geholfen in Kessels Fall. Als zukünftiger Unioner wollte er sich schon einmal jetzt bei den Fans beliebt machen und gab Schönheim durch einen fatalen Fehlpass die Chance zur Führung. „Wir haben es zwei-, dreimal verpennt, den Ball wegzuschlagen. Es war eine unglückliche  Situation und wir haben alle geschlafen“, so Kessel nach dem Spiel.FullSizeRender

Doch damit nicht genug. Angespornt durch Schönheims Führungstor, fiel Sebastian Polter sein Ziel wieder ein, welches er sich gesetzt hatte: 15 Tore. Dafür fehlten aber noch 2. Nach einem leider nicht zählenden Tor (50.) aufgrund einer gelben Karte für den Braunschweiger Marc Pfitzner (31), versenkte Polter das Runde Leder doch noch im Kasten von Keeper Marjan Pekovie (59.). 2:0 für Union und Sebastian Polters 14. Saisontor. Damit war sein Ziel in greifbarer Nähe. Doch halt… 14 Tore in einer Saison… Na? Klingelt es bei Ihnen? Richtig. Sreto Ristic stellte diesen Zweitliga-Bestwert der Eisernen in der Saison 2001/02 auf. Zeit diesen zu brechen, fand Polter und setzte sich so sein Ziel. Das Stadion feuerte ihn tatkräftig an, doch es blieb bei 14 Toren. „Ich hatte es mir ja schon vor der Saison vorgenommen, weil ich ja natürlich diesen Rekord wusste von Ristic. Und ich hätte gerne den Rekord geknackt, sage ich ganz ehrlich, und jetzt habe ich ihn nur leider eingestellt. Aber für mich ist viel, viel wichtiger, dass wir heute mit der Mannschaft einen super Saisonausklang hatten“, so Polter nach dem Spiel.
Und das hatten sie alle Male. Endstand 2:0 für die Eisernen. Damit hatten sie wieder bewiesen, dass sie auch kämpfen, wenn es eigentlich um nichts mehr geht. Doch ein Sieg zum Saisonabschluss ist doch ein wunderbares Gefühl, nicht wahr? Und in der Tabelle noch einen Sprung auf Platz 7 mit drei Zählern mehr als im letzten Jahr. Na wenn das kein Grund zum Feiern ist! Glückwunsch Union!

 

 

Und wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?

„Ach komm, ihr werdet doch auch so Meister.“

„Schnauze.“

Zugegeben. Nicht zwingend nett, was ich da dem Wirt meines Vertrauens entgegenschmetterte. Aber mal ehrlich, wenn ich etwas in diesem Moment überhaupt nicht gebrauchen konnte, dann das.

Es juckte mich in dieser Sekunde keine Bohne, dass am Ende der Spielzeit Jubiläumstitel 25 in den Annalen einzutragen ist. Ich starrte fassungslos auf den Bildschirm ob der offenbarten Einfallslosigkeit. Und vor meinem geistigen Auge erschien die gut gegelte Frisur eines nicht ganz unbekannten Portugiesen, der solcherlei Unzulänglichkeiten noch mehr bestrafen würde. Oder ein argentinischer Wurzelzwerg, der wie das heiße Messer durch die Butter durch die Hintermannschaft des großen Experimentators Sepp Guardiola spazieren würde. Und sich dabei noch das Näschen putzen könnte.

Ich saß da. Sprachlos. Fassungslos. Es tat nur weh. Und da ist keinerlei Trost bekömmlich. Meisterschaft. Ey, siehst du nicht, was da gerade passiert? Lass mich.

Warum, oh zum Teufel, gönnt einem denn keiner in solchen Momenten die Ruhe, die man jedem anderen Fußballfan zugestehen würde.? Etwas was selten vorkommt, ist dennoch nicht minder verletzend.

Gut, Hohn und Spott gehören dazu. Die muss man als Anhänger eines Vereins, der nun mal häufiger gewinnt als die anderen, eben ertragen, wenn es mal schief geht. Damit kann ich leben.Mal mehr, mal weniger.  Euer Neid ist unsere Stärke. Aber Mitleid?

Gladbach war nun einfach mal besser am letzten Sonntag. Und komischerweise nicht zum ersten Mal gegen die Mannschaft dieses eigentlich genialen Chaostheoretikers aus Katalanen. Muss man neidlos anerkennen. Aus die Maus. Und stört mich, der als Misserfolgsfan des FC Bayern geboren wurde, dabei gar nicht so sehr. Kannte ich ja früher kaum anders.

Doch, doch, das gibt es. Kuckst du hier.

Doch einem den Schmerz wegreden zu wollen, einem also quasi das Fanrecht abzuerkennen, das geht für mich zu weit. Natürlich leidet man als Bayern-Fan auf hohem Niveau. Und doch ist es Leid. Erkennt das endlich mal an. Nur weil wir nicht absteigen, heißt das nicht, dass wir grausame Stunden nicht kennen. Finale dahoam. Pokal-Finale-Pleite gegen Dortmund 2012. Notschlachtung  durch die Königlichen im Vorjahr. Ja, all das tut weh.

Also spart euren Trost, wenn so etwas mal eintrifft. Spottet, hämt, lacht, tanzt und singt und schreit eure Freude heraus, aber sucht nicht einem weiszumachen, man müsse auch mal gönnen können.

Ne, muss man nicht.

Erkennt doch mal an, dass wir auch Fußballfans sind. Vielleicht nicht geboren im Schmerz des Abstiegs. Nicht gestählt als Anhänger eines Paternoster-Team. Aber es ändert wenig daran, dass einen in solcherlei Momenten der Schmerz unerbittlich ergreift. Und still genossen werden muss.

Und warum auch nicht? Denn auch wir sind nur Fans. Wir lieben unseren Klub und wir sind stolz auf ihn

Ja, doch, sind wir. Und damit euresgleichen, auch wenn ihr das nicht wahrhaben wollt. Lasst es euch mit den Worten Shylocks rnoch mal verdeutlichen:

„Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir’s euch auch darin gleich tun.“ (William Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig, 3. Akt, Szene 1) 

 

 

 

Mein erstes Mal

Wird ja immer gern darauf Bezug genommen. Also auf das berühmte erste Mal. Was ich jetzt nicht sexuell meine. Was habt Ihr denn gedacht, ihr Ferkel? Also echt mal … Es geht um Stadionbesuche. Nicht wenige Nicks im Union-Forum leiten sich davon ab. Anno85 zum Beispiel. Oder 76er. Hiermit präsentiere ich euch schwarz auf weiß mein erstes Mal an der Alten Försterei. Oder sollte ich besser in der Alten Försterei sagen?

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Der Dank gilt dem Herrn Gerald Karpa, der mich daran erinnert hat.

Sternstunde der Fan-Scheit

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Es war so etwas wie der Running Gag des Sommers. Wen man auch traf, egal wo. Man raunte es sich zu. Unaufgefordert. Es musste, aber sein. „Da fehlt ein Stern“, verkündete man mit einem schelmischen Grinsen, als gehöre man einer geheimen Sekte an. Der andere nickte. Anerkennend. Amüsiert. Wissend, dass das ja nicht anders ging. Denn so sehr die Marketender der Weltfirma auf Zack sind, das hatte keine Maschinerie der Welt leisten können.

Und so stolzierten wir in unseren Dreistern-Trikots durch die Straßen. Lustwandelten an den Ostseestränden und wisperten allen anderen gar nicht so geheimen Geheimnisträgern ein ums andere Mal fröhlich die Parole zu: „Da fehlt ein Stern.“

Was ein Sommer. Vielleicht nicht der von Gundermann besungene „zweitbeste„. Aber immer einer, der nicht so schnell in Vergessenheit geraten würde.

Sicher, die strahlende Jahreszeit hatte auch all das wider hervorgebracht, auf das ich getrost verzichten kann. Wespen! Flip-Flops im Straßenbild und nicht nur in Sanddünen. Lackierte Fußnägel in einer Vielzahl. als gelte es dadurch die Welt zu retten. Und Barfußgänger in einer dreckigen Großstadt. Wir wollen nicht die Barfußgänger vergessen.

An und für sich ist gegen so textilfreies Endbein gar nicht so viel einzuwenden. Es hilft sogar gewissen, wenig wohlfeilen Gerüchen vorzubauen. Aber baren Fußes doch bitte schön dort, wo es sich gut anfühlt. In feuchtem Gras, auf dem sich der Morgentau gegen seine bevorstehende Verdunstung wehrt. Oder im manchmal viel zu heißen Ostseesand. Aber nicht in vergotteten, mit Glasscherben und sonstigem Unrat übersäten Asphaltdschungel.

Es war der Sommer, an dem ein schon in die Jahre gekommener Song der Sportfreunde Stiller endgültig zu Grabe getragen wurde. Sie wissen schon: das unsägliche 54 – 74 – 90 – 2006, das wenig später um vier Jahre erweitert werden musste. Nun war es endgültig Zeit, sich davon zu verabschieden. Nicht mal, weil eine zeitgemäß adaptierte Version sich phonetisch nicht gut angehört hätte. Sondern weil dem einstmals Gassenhauer schlicht und einfach die Grundlage entzogen worden war.

Den er fehlte ja nicht mehr. Wir hatten ihn – den viel besungenen vierten Stern. Geholt im fernen Brasilien.Bewundert und bejubelt auch hier in Berlin. Stehend mit der Bunkine auf dem Sofa im WM-Wohnzimmer. Singend. Hoffend. Fluchend.

Manchmal staunend. War das möglich? War das echt Brasilien? Ich saß in Kärnten und starrte ungläubig den Bildschirm in einer Pizzeria an, während die Bunkine zu Hause um den Laptop tanzte. „Das muss man erlebt haben. Das glaubt einem keiner“ schickte sie mir via Facebook. Und hatte Recht. Aber so was von.

Wir wurden mitgerissen auf einer Woge der Begeisterung. Auf einer Welle der Euphorie. Nicht mal mein durchnässtes Beinkleid beim Finale – ja, es hatte mal wieder geregnet und die Plane über dem Sofa hatte sich gegen das Abdecken zu wehren versucht – konnte einen erschüttern. Obwohl es im ersten Moment sich leicht frostig anfühlte. Zumindest unterkühlt.

Doch bei dieser Sternstunde der Fanscheit war uns alles gleich. Wir saßen nur da, drückten die Daumen, kauten an den Fingernägeln. Und harrten der Dinge, die da kommen mögen. Sicher, die anderen hatten Messi. Doch wir waren der festen Überzeugung, dass wir Zeugen eines historischen Ereignisses werden würden. Das hatte sich eingebrannt durch das unauslöschliche 7:1 gegen die Gastgeber. Heute konnte nicht schiefgehen. Wir waren das bessere Team. Wir hatten den besten Fußball geboten. Es würde so was von verdient sein. Wir saßen da mit einer Hingabe, wie wir sie vielleicht sonst nur einem Fünf-Gänge-Menü in beschaulichem Ambiente aus den Händen eines Sternekochs entgegengebracht hätten.

Tage wie diese, summte automatisch durch mein Hirn. Gepaart mit Fetzen einer einstmals auf Helgoland verfassten Hymne. Und dann war es endlich soweit. Ein Götzendienst brachte uns den Moment. Der Stern war da. Und mit ihm der Running Gag des Sommers – „Da fehlt ein Stern“.

Bring(t) mich zum Rasen

FotoIch mag keine kleinen Kinder. Nicht mal mit Speck und Zwiebelchen. Und Bücher über Fußball schon gar nicht. Sicher, ich hab ein paar davon. Aber alles mehr oder weniger Zufallsprodukte. Fußball findet auf dem grünen Rasen statt. Meinethalben auch auf den Rängen oder in den Gazetten. ersatzweise im TV, wenn der Weg zum Stadion zu weit ist und man daher nur die Bidlschirme anbrüllen kann.  Und ja doch, ich schreib selber darüber. Dennoch mag ich Fußballbücher nicht.

Und nun sitze ich vor etwas, was diese beiden Themen vereint. Sie zu einer untrennbaren Einheit verwebt. Verwobt würde die Autorin wohl in ihrem als Stilmittel recht gern gepflegten Ostbrandenburgisch sagen. Stefanie Fiebrig aka @rudelbildung, für mich aber immer noch „La Lamm“ (so steht sie weiter in meinem Mobilfunkverzeichnis), hat es geschafft, mein Interesse zu wecken mit zwei Themen, die mich so gar nicht reizen – Kinder und Fußball. Ausnahmsweise nicht wordgepresst, sondern zwischen ein paar Pappdeckeln in schönstem Stadiongrün. Und mit einem treffenden Titel: Bring mich zum Rasen.

Der allein hat es ja schon in sich. Ist da das substantivierte Verb gemeint? Oder soll mich jemand zum Ort des Spielgeschehens geleiten? Auch hier steht zwei für eins. Steffi parliert munter vor sich hin. Nimmt uns mit auf eine beschauliche Reise, die wir gar nicht beenden wollen. Sie beschreibt ihre Liebe zum runden Leder, einst erwacht aus Liebe zu Menschen. Aus Momenten, in denen sie Authentizität einfangen wollte durch das Objektiv ihrer Kamera.

Locker flockig erzählt sie von ihrer Zuneigung zu Trikots und Farben. Und amüsiert sich selber über ihre eigene Unzulänglichkeit, das Trikot eines abgewanderten Fußballgottes adäquat ausfüllen zu können. Allein diese Passagen weckten ein ambivalentes Gefühl in mir. War es doch meine Wenigkeit, die ihr einst das Leibchens unseres ewigen Torwartes unserer Herzen verschafft hatte. Jan Glinker bleibt unsere Nummer 1, ungeachtet der Tatsache, dass er derzeit nicht mal bei einem Viertligisten seiner liebsten Berufsbeschäftigung nachgehen darf. Mit sehr viel Wehmut nahm ich daher einst zu Kenntnis, dass sie Avatar bei Twitter geändert hatte. Nicht mehr die die Rückenansicht besagten Leibchens zierte es, sondern ein wohlfeil gezeichnetes Selbstportrait. Ein Gelungenes muss ich sogar sagen. Denn wunderbar malen kann sie neben „schreiben“ auch, auch wenn sie in „Bring mich zum Rasen“ behauptet, dass sie so vieles nicht könne.

Dieses Buch liefert keine Ergebnisse, keine tiefschürfenden Analysen oder Hintergrundberichte. Es erhebt auch nicht den Anspruch, von Fußball Ahnung zu haben.  Es lebt von seinen Gefühlen und von seiner  Leidenschaft. Von den Geschichten über Menschen und den Geschichten, die die Autorin über sich preisgibt. Beispielsweise  von dem Testspiel, bei dem sie sich ihren Göttergatten geangelt hat und von dem sie heute nicht einmal mehr das Ergebnis weiß. Was wir hiermit ihr nachreichen: 2:1 ging’s aus im schönen Schöneiche an einem kalten End-Januar-Nachmittag des Jahres 2009. 2:1. Aber nicht für die Guten! Auch wenn da bei denen zahlreiche der ehemals Guten sich tummelten.

Diese Anekdoten mach „Bring mich zum Rasen“ lesenswert. Diese ungewohnte Perspektive, eine völlig andere Art des Draufschauens. Es ist ein Muss für Freunde des runden Leders. Egal welche Farben sie tragen. Weil es die Liebe zum seinem Klub nicht verbirgt oder mit großem Sendungsbewusstsein brutal vor sich herträgt. Es ist zeitlos quasi stellvertretend für alle Fans und ihre Fanwerdung. Und es hält überraschende Momente bereit.

Denn mal ehrlich, wer käme schon auf den Gedanke ein zweites Mal zu besingen? Nur Erbsensuppe wird aufgewärmt besser. Doch Steffi schon. Sie tut das .mit eiern Nonchalance, als würde sie mal eben in den Garten flip-floppen, um Gartenkräuter für das Abendbrot einzusammeln. So „schrub“ sie über das zweite Derby im Olympiastadion, nicht über jeden Abend im Februar 2010, an dem John-Jairo Mosquera, Torsten Mattuschka und  Torsteher Maikel Aerts – letzterer eigentlich auf der anderen Seite, aber dank seiner Mithilfe doch für einen Moment auf der Seite der Guten – unsterblich wurden.

Es ist nicht alles nur lustig. Manche Kapitel stimmen einen sehr nachdenklich. Und Melancholie tritt auf. Aber auch das ist großes Kino. Weil Steffi wieder wunderbar mit unserer Gefühlswelt spielt.

Und jetzt sitze ich hier und schreibe über etwas, was ich noch nicht mal zur Gänze kenne. Denn nach den ersten 30 Seiten hatte es mich schon so gepackt, dass ich eine Elegie darauf verfassen musste. Und die Gefahr, auf den folgenden Seiten enttäuscht zu werden, erachte ich als gering. Ich kenne Rudelbildungs Stil aus dem Stadtteilmagazin Maulbeerblatt oder ihrem Blog Textilvergehen, in dem sie sich leider in letzter Zeit viel zu wenig produziert. Und wenn nur durch Bilder  oder als Randgelächter bei den stets überlang daherkommenden Podcasts. Wenn es mir nicht weiter gefallen sollte, bin ich selber schuld. Das wäre so, als ob ich nach einem perfekten Date am Abend der jungen Dame leider sagen muss, es liegt an mir, nicht an ihr.

Und nun entschuldigen Sie mich, bitte. Ich muss aufhören. Da warten noch rund 190 weitere Seiten auf mich.

Die WM und ich

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Die Küchenuhr tickt. Leise. Stetig. Aber viel zu langsam für meinen Geschmack. Ich will endlich los. Ins Wohnzimmer. Auf mein Sofa im Stadion an der Alten Försterei. Endspieltag! Und doch ist das alles noch so fern. Viel zu fern. Und die Zeit will nicht rumgehen…

WM-Endspiel. Es gibt nichts Größeres. Und für mich als leidenschaftlichen Fußballfan sowieso nicht. Als rasender Reporter kann ich meine Emotionen beruflich bedingt gar nicht so ausleben wie all die Jungs bei den Spielen des 1.FC Wundervoll auf den Rängen. Für mich sind es immer die Großturniere, bei denen ich mich auch einmal gehen lassen kann. Mitfiebern. Die Leinweand anbrüllen oder extatisch mit anderen zusammen einen Jubelchor anstimmen kann.

Dass das runde Leder mich in den Griff bekommen sollte, war bei meiner Geburt offensichtlich vorherbestimmt. Ich erblickte das Licht der Welt genau an dem Tag, als in England ein neuer Stern am Fußballhimmel aufging. Eine spätere Lichtgestalt führte die deutsche Mannschaft zu einem grandiosen 5:0 beim Auftakt im Hillsborough. Der Ort, der 23 Jahre später zum Inbegriff einer Tragödie wurde und die heutige Sitzplatz(un)kultur einleitete.

Nun sitze ich hier. Und warte. Und warte. Versuche mich abzulenken. Die Sachen für den Usedomurlaub mit der Bunkine zu packen. Oder zumindest auf kleine Häufchen zu stapeln. Man(n) will ja nix vergessen.

Gedanken streifen dabei durch meinen Kopf. Wann ich denn das erste Mal bewusst eine WM verfolgt habe. Eigentlich müsste es 1974 gewesen sein. Doch beileibe nicht alle Spiele. Die Anstoßzeiten waren oft so gestrickt, dass ein achtjähriger Steppke sie nicht mitverfolgen durfte. Ich glaube ich habe die Vorrunde Größtenteils irgendwie verpasst, das der Spielerrevolte folgende 2:0 gegen Jugoslawien auch. Meine Erinnerungen setzen ein mit dem 4:2 gegen Schweden und der Wasserschlacht zu Frankfurt gegen Polen. Und natürlich irgendwie das Endspiel gegen die Oranjes.

Alles Bilder, die sehr präsent sind in meinem Kopf. Auch heute noch.

Aber wenn ich ganz tief in meinem Unterbewusstsein krame, dann liegt das eher nicht am gemeinsamen fernsehen mit meinem geliebten Altvorderen, sondern an etwas Süßem. An Schokolade besser gesagt. Es gab in jenen Tagen eine längst ausgestorbene Marke namens Sprengel. Und diese Süßtafeln enthielten lustige Sammelbilder. Mit Fleiß und Akribie kollektivierte ich die bunten Bildchen und klebte sie in das dafür vorgesehene Sammelalbum „1966 – 1970 -1974“.

Vier Jahre später sah es schon ganz anders aus. Argentinien war zwar weit. Aber als mittlerweile gestandener 12-Jähriger wollte man auf der Höhe des Geschehens sein. Ich quälte mich durch ein langweiliges Eröffnungs-Null-zu-Null. Mit zunehmendem Enthusiasmus, den zwei Zwischenrunden-Remis ein wenig ernüchterten. Wenigstens das Spiel um Platz 3 sollte drin sein. Waren ja nur die Österreicher. Doch, Sie wissen es ja, Cordoba. Mancher wird närrisch. Und ich ging deprimiert raus zum Kicken mit den Nachbarjungs. Das heißt kicken stimmte auch nicht so ganz. Ich musste dabei laufend den Radio-Reporter mimen, denn um meine fußwerklichen Künste war es nicht so gut bestellt. Zumindest nicht im Vergleich mit den Bengels aus der Nachbarschaft. Also war ich noch nicht so richtig drin im WM-Wahn.

1982: Wahrscheinlich meine erste wirkliche WM. Lassen wir die Schande von Gijon einmal außen vor, springen wir gleich ins Halbfinale. Das Spiel gegen Frankreich. Ein unaufhaltbar scheinender Rückstand. Und dann die Einwechslung des angeschlagenen Karl-Heinz Rummenigge, die dem Spiel eine seltsame Wendung gab. Selbst mein Frau Mutter fieberte vor dem Fernseher mit. Dabei war sie der Affinität zum schnöden Gekicke nicht im geringsten Verdächtig. Für sie hätten sich alle 22 Mann jeder in eine Ecke setzen können und mit ihrem eigenen Bällchen spielen. Immer wieder hatte sie es im Turnierverlauf geschafft unvermittelt aus den Tiefen des Hauses aufzutauchen wie weiland nur Günter Netzer aus den Tiefen des Raumes und selbst im spannendsten Spiel einen mit irgendwelchen belanglose Fragen zu behelligen. Aufgeräumte Zimmer und so.  Doch da saß sie nun und unterstützte lautstark die Jungs mit dem Adler auf der Brust. Da konnte doch nix mehr schiefgehen auf dem Weg zum dritten Titel. Nix, außer Italien eben. Chancenlosigkeit pur im Finale. Und ein bis heute nicht abgeebbtes Desinteresse meiner werten Frau Mama, was das runde Leder anging.

1986:  Als angehender Abiturient haben ich mir nahezu alles gegeben. Jedes Vorrundenspiel. Egal wann. Schließlich war man doch einer der Großen in der Schule. Was kümmerte einen das übernächtigt sein am nächsten Morgen im langweiligen LK Geschichte. Doch alles was hängen blieb war die Hand Gottes. Und ein eingewechselter Dieter Hoeneß im Endspiel, als wir uns anschickten Maradona und Co. doch noch den Triumph zu entreißen. Kam mal wieder anders. Aber dank fleißigen Studiums des Kicker Sportmagazins – so denn mein alter Herr mal ein bisschen Luft ranließ -, war ich stehst gut informiert. Suppenkasperaffäre und so.

1990: Mittlerweile im ehrenwerten Stadiums des Studierenden angekommen, drehte sich in der Sommerzeit alles nur darum, wo und wann man das nächste Spiel ansehen würde. Live-Übertargungen in den Hörsälen der Georgia-Augusta waren da ebenso Programm wie gemeinsames verfolgen des Geschehens mit dem Kommilitonen. Von Spiel zu Spiel steigerten wir uns weiter rein. Ein Lothar Matteus auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Das unvergessliche Spuckspiel gegen die Niederlande. Ein über sich hinauswachsender Jürgen Klinsmann. Genial. Und ebenso das Ende, als sich wildfremde Menschen spontan am Gänse-Lisl versammelten und einander in die Armen fielen. Ein Vorgeschmack auf Sommermärchen 2006, ohne das man es damals so genannt hätte.

1994: Ach lassen wir das. Subsumieren wir dieses und das danach folgende Turnier unter dem Begriff hässliche Trikots und zwei peinliche K.o.s im Viertelfinale. Sie wissen schon, Jordan Letschkov, der alter HSVer, und im Turnier darauf nahmen die Kroaten die Aufforderung der Bildzeitung (Los, Berti! ic sie weg) sich sehr zu Herzen. Leider.

2002: Mittlerweile im Reportleben angekommen, artete das Turnier in Arbeit aus. Seitenumfänge mussten gefüllt werden. Mit Andreas Baingo war ein Kollege live vor Ort. Die Übertragungszeiten waren auch sehr kompatibel. Da konnte und musste man alles mitverfolgen. Rudis Resterampe rumpelte sich dann auch durch ins Finale. Sicher, da waren ein paar tolle Spiele dabei. Acht Tore gegen Rudi-Hau-die-Saudi, beispielsweise. Der überlegene Sieg in Unterzahl gegen ein damals bärenstarkes Kamerun.  Umgekehrt ergaben sich die Engländer trotz Überzahl den Brasilianern. Bei eigenem Rückstand. Unfassbar so etwas. Wir hangelten uns im leichteren Paarkreuz nach Tokio, Michael Ballack opferte sich im Halbfinale gegen Südkorea. Und dann mussten man ausgerechnet im Endspiel Zeuge einer Fleischwerdung des Titanen werden. Oliver Kahn patzte. Ausgerechnet. Und der Sieger hieß Brasilien, obwohl das deutsche Team sein vielleicht bestes Spiel abgelagert hatte.

2006: Sommermärchen. Und alle in der Reaktion nahmen dran teil. 15 Spiele verfolgte ich live im Stadion. Darunter alle deutschen. Den Rest gab es beim Public Viewing. Beispielsweise vor dem Reichstag, wo die Herren von Adidas ein Miniatur-Olympiastadion aufgebaut hatten. Oder in der 11Freunde-Lounge am Potsdamer Platz. Ein Spiel sah ich auch in Dortmund am Vorabend des unsäglichen 0:2 gegen Italien. Auf der Rückfahrt nach Berlin erreichte mich kurz vor der Autobahn noch die SMS einer ehemaligen Gespielin: „Das war so nicht abgemacht.“ Und ob Stuttgart wirklich so viel schöner war als Berlin, haben die Schwaben dann zwar nach dem Spiel gegen Portugal lautstark besungen, aber ich hatte meine Zweifel. Nun gut, konnte ich wenigstens das Endspiel am nächsten Tag im Oly ohne Stress verfolgen.

2010: Sportfreunde Stillers Neuauflage, die Verballhornung von Lena Meyer-Landruts „Satellite“ (’schland, oh ’schland, wir sind an deiner Seite), dazu das unausweichliche Waka-Waka. Letzteres blieb mir in Südafrika ja nicht erspart. Wohl aber manche Auswüchse der Schlandimania. Es blieben wieder 15 Spiele live im Stadion, darunter die beiden grandiosen Auftritte gegen England und Argentinien in der K.o.-Runde. Am Ende wieder nur Dritter. Und ein Finale, in dem die Holländer auf alles traten, was sich bewegte und nicht der Ball war und doch den Spaniern nicht das Wasser reichen konnten. Der Rückflug war übrigens mein Geburtstag. Ich verbrachte ihn mit einem langen, flugplan-bedingten  Stop-Over in Windhoek. Nette Gespräche mit einigen, na gut sagen wir mal freundlich Allesfahrern. Aber für gewöhnlich suche ich mir die Gesellschaft zu meinem Wiegenfeste gerne selber aus.

2014: Der Traum rückt näher. Diesmal leider nur aus der Ferne. Synergieeffekte im Verlag, ließen den Kurier außen vor bei der Reise an den Zuckerhut.  Doch die Sofa-Aktion im Stadion an der Alten Försterei entschädigte. Dazu die Bunkine neben mir. Das war einfach genial. Die Spiele bewegten sich  insgesamt auch auf einem ordentlichen Niveau. Mit Toren satt. Und spätestens nach dem tollen 7:1 gegen Brasilien war klar, die Zeit ist reif für den vierten Stern.

Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Es klingelt. Ich muss los. Man sieht sich …