Gedanken zur 3. Liga

Die 3. Liga – Fluch oder Segen? Gelobtes Land oder schleichender Tod? Der bei der Gründung vom DFB als Meilenstein gepriesene Zweitliga-Unterbau spaltet bis heute die Geister. Als Wettbewerb durchaus lukrativ ist er von der wirtschaftlichen Seite her äußerst schwer zu stemmen. Klagen darüber werden alljährlich laut. Auch von den Klubs, die der Drittklassigkeit entronnen sind. Wie beispielsweise der 1.FC Union.

Für den 1.FC Wundervoll, der sich gerade anschickt, vielleicht doch noch nach noch höheren Weihen zu greifen (so denn vor allem die Roten Teufel mitspielen), war die 3. Liga vor allem ein ruhmreiches Kapitel der jüngeren Vergangenheit. “Erster Deutscher 3. Ligameister der Welt”, jubelten die antikommerziell eingestellte Köpenicker kommerziell geschickt per Aufstiegs-T-Shirt im Sommer 2009.

Mittlerweile ist die höchste Spielklasse des DFB im fünften Jahr ihres Geschehens angekommen. Zeit also, sich einmal rückblickend wieder ein bisschen mit ihr zu befassen. Wobei es mir hier vor allem um die sportliche Ausrichtung geht, weniger um die Finanzen.

Was die Verringerung des Leistungsgefälles zwischen der DFL-Spielklasse 2. Bundesliga und dem Unterbau angeht, muss man sagen, dass das Projekt ein voller Erfolg ist. Zumindest was die ersten drei Jahre angeht. Von den neun Aufsteigern seit 2009 haben mit Osnabrück und Rostock nur zwei sich nicht gehalten, Düsseldorf reüssiert mittlerweile sogar in der Beletage des deutschen Fußballs, Braunschweig steht kurz davor und auch Union meldet – zumindest für das kommende Jahr – deutliche Ambitionen an.

Noch deutlicher wird es, wenn man bedenkt, dass in der Relegation sich ausnahmslos immer der Drittligist gegen den Tabellen-16. der 2. Liga durchgesetzt hat, während der Bundesliga-16. in 50% aller Fälle (Nürnberg 2009 /Gladbach 2011) die Klassenzugehörigkeit verteidigen konnte. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass Jahr für Jahr mindestens ein Aufsteiger sich in oberen Tabellengefilden bis hin zur Relegationsnähe tummelt (2010 Düsseldorf als 4. und Paderborn als 5., 2011 Aue als 5., 2012 Braunschweig als 8.) untermauert diese These weiter. Auch dieses Jahr hat Aufsteiger Aalen diese Tradition fortgesetzt. Das geht nur mit gewachsenen Mannschaften, die nicht kurzfristig in Liga 3 mit dem Ziel Aufstieg zusammengekauft worden waren. Doch dazu später mehr.

Ob das aber weiter so anhält, Liga 3 und Liga 2 weiter so eng miteinander verzahnt bleiben, muss sich zeigen. Denn in dieser Saison sind mit Sandhausen und Regensburg zwei Ex-Drittligisten kurz davor, sich postwendend wieder aus dem Bundesliga-Unterbau zu verabschieden. Vielleicht nur die berühmte Ausnahme von der Regel, auch wenn ich eher denke, dass das ein Zeichen einer Trendwende ist.

Meine These: Seit 2008 haben die Klubs, die rechtzeitig alle notwendigen Maßnahmen auch bezüglich der Infrastruktur und des Nachwuchsbereichs einleitet haben, die Gunst der Stunden für sich entsprechend ausgenutzt. Künftigen Klubs – mit Ausnahme von R(etortenklu)B Leipzig  – werden es nicht mehr schaffen, sich im Lizenzfußball zu etablieren. Aber damit kann man Köpenick sicherlich gut leben.

Doch was passierte denn mit den Absteigern aus der 2. Liga? Die alte Boxregel “They never come back”, erstmals durchbrochen nicht von dem Größten, Muhammad Ali, wie jetzt manch einer vorschnell sagen mag, sondern 1960 von Floyd Patterson,  ist das Damoklesschwer für alle Absteiger. Von neun Absteigern schaffte es nur ein Drittel postwendend wieder zurückzukehren.  In diesem Jahr schickt sich der Karlsruher SC an, diese 1/3-Regel zu untermauern. Für Aachen und Hansa sieht es dagegen mau aus. Denn 33% der Zweitligaabsteiger sind sogar ganz in der Versenkung verschwunden so wie LR RW Ahlen, RW Oberhausen und die TuS Koblenz.

Dazu gibt es deutliche Unterscheide bei den Comeback-Kids. Nur ein finanzstarker Klub wie  Ingolstadt kann den Abstieg als Betriebsunfall reparieren, sich wieder auf Dauer im Bundesliga-Unterbau einnisten. Für Klubs die von Haus aus schwach auf der Brust sind, – da muss man kein großer Phrophet sein – bleibt maximal das Schicksal einer Fahrstuhlmannschaft.

Hier würde nur ein über längere Zeit gewachsenes Team, aus einem strukturstarken Gebeit, dessen Finanzen von Grund auf in Ordnung gebracht worden sind, künftig in die Phalanx der Zweitligisten wieder einbrechen können. Also stetig mitmischen, nicht mal so eben kurz ein Gastspiel geben. Und da sieht es weder bei den von der Insolvenz bedrohten Aachenern, den chronisch klammen Bielefeldern oder Rostock wirklich gut aus. Auch der VfL Osnabrück wird sich mangels Finanzmasse auch nur wieder auf ein Intermezzo in Liga zwei freuen können. So sie denn den Fünfkampf an der Spitze überhaupt für sich entscheiden können.

Womit das Schicksal der 3. Liga sich abzeichnet. Sie wird weiter ausbluten. Klubs werden weiter über ihre Verhältnisse leben, um an die Fleischtöpfe der DFL-Ligen heranzukommen. Die Insolvenz als Folge geht einher mit der sportlichen Diaspora. Noch mehr Tradition geht flöten.  Und Himmel hilf bei dem, was aus den viertklassig, fünfgeteilten Regionalligen droht. Lotte, Elversberg oder Illertissen – derzeit alle berechtigt an den Aufstiegsspielen zur 3. Liga teilzunehmen – sind nicht gerade die Vertreter ihrer Art, die das Ballspiel liebende Publikum in Verzückung geraten ließe. Von drohenden Zweitvertretungen der Lizenzklubs wie Wolfsburg II, Hannover II, Schalke II oder Hoffenheim II wollen wir gar nicht erst anfangen zu reden.

Wodurch die 2008 noch so verheißungsvoll erscheinende Drittklassigkeit künftig noch mehr an Attraktivität verlieren wird. Und die nächste Spieklassenreform, die wiederum nur ein Rumdoktorn am System sein wird, sich schon jetzt abzeichnet.

Zwiespalt der Gefühle

Ich bin hin- und hergerissen. Was soll ich von Herthas 1:4 gegen die Wölfe halten? Eigentlich bin ich ja ein großer Anhänger von Stadtderby reloaded aka Stadtmeisterschaft2.0. Doch die Häme, mit der das eiserne Lager den Niedergang der alten Dame begleitet, stößt mich ab. Sicher, Fußball ist kein Mädchenpensionat. Gesunde Schadenfreude gehört beim Spiel der Emotionen mit Sicherheit dazu. Und natürlich habe ich auch Witze gerissen. Doch, imho, ist es derzeit eher angebracht, sich eisern zurück zu halten. Schon vergessen, wie es uns zwischen 2003 und 2005 erging?

Und die Wahrscheinlichkeit, dass Hertha sich rettet, sinkt mit jedem Spieltag. Ich weiß. Auch wenn ich an anderer Stelle die Blau-Weißen noch nicht abschrieben habe. Rein statistisch gesehen haben sich seit Einführung der Drei-Punkte-Reglung 40% der Ligavorletzten noch retten können. Also sechs von 15 Teams sprangen dem Tod noch einmal von der Schippe. Im Vorjahr gelang sogar dem Schlusslicht das Kunststück. Es ist also noch nicht vorbei. Egal, wie elend es sich anfühlen mag.

Und Otto, der Fünf-vor-Zwölfte, tut mir fast leid. Dabei mag ich ihn nicht besonders. Was soll er denn jetzt anders sagen, als dass er  nicht aufsteckt? Wenn er das täte, möchte ich das Medienecho sehen, dass auf ihn einprasselt. Jetzt, wo er es nicht macht, gehen jedem die Durchhalteparolen auf den Keks.  Wie man es macht, es ist verkehrt…

Wenn ich die Situation der Charlottenburger heuer mit der vor zwei Jahren vergleiche, habe ich rein subjektiv gesehen das Gefühl, dass das Rehhagel-Team besser drauf ist. Denn es spielt – anders als die Hertha unter Wolfgang Funkel – auf Sieg. Und schon der nächste könnte sie auf den Relegationsrang spülen. Und dann wäre sogar noch mehr drin.

Funkels ewige Durchhalteparolen  (“Man muss nicht jedes Spiel gewinnen”) ermüdeten, weil Hertha die ganze Zeit von hinten heraus auf Teufel komm’ raus eine Aufholjagd starten musste, und jeder flehentlich auf den Startschuss wartete. Er wirkte wie ein großer Zauderer, der die Realität nicht wahr haben wollte. Otto ist von anderem Kaliber.

Wie gesagt, ich bin hin- und hergerissen.

Szenen meines Lebens X

Alles neu, macht der Mai. Auch wenn wir jetzt schon den Juni haben. Aber früher fingen die Eisernen nun mal  nicht an, dem Spielgerät übenderweis nachzujagen. Also ward ihre schmucke Kollektion auch nicht früher zu bewundern. Doch ich staunte nicht schlecht, als ich nicht nur trendige, neue  Klamottten von Neu-Ausrüster Uhlsport entdecken durfte, sondern eine  – von zugegebenermaßen zwei – BSR-look-a-like-Weste. Eine davon trägt meinen Spitznamen.

Nicht, dass der “Bunki der Woche” wirklich neu war bei Union. Und eigentlich auch keine Auszeichnung. Doch zuvor war er halt pinkfarben. Und wie es dazu kam, ist von den Kollegen von www.textilvergehen.de hinreichend erklärt. Und weil bei Union alles Neuhaus ist, und nichts so bleibt, wie es mal war, macht der sich dieser Tage doch glatt Gedanken, den “Bunki der Woche” abzuschaffen und durch etwas Neues zu ersetzen. Stimmt mich irgendwie ein bisschen traurig.

Äh, Jungs, moment mal

Ey, Jungs, ist gut, ja? Ich weiß, ihr habt ne Menge Prügel eingesteckt. Von wegen Arroganz und so. Und von lieb gewonnenem und hart verteidigten, trennt man sich halt ungern, ich weiß ja.  Aber ihr hattet doch Recht. Aufstieg ist Aufstieg ist Aufstieg. Und einen anderen Anspruch hätte euch ja eh keiner wirklich abgenommen. Insofern gerechtfertigt, alles. Auch dieser Zähl runter.

Und jetzt könnt ihr euren  Countdown ruhig wieder einpacken. Ihr schreibt es ja selber drunter: Mission erfüllt.

Fersengeld

Das verflixte zweite Jahr, ich hattes anderen Ortens schon mal erwähnt. Und aus gegebenem Anlass hier ein kleines (bitte nicht zu sehr ernst zu nehmendes) Gedicht. Inspiration fand ich in kurzweiligen Redaktionsstunden  bei @alorenza

Der Fußballgot in seinem Zorn
Schickt Union jetzt nach Paderborn.
Und weil’s da keinem recht gefällt
Zahlt man dort reichlich Fersengeld

Die Kronprinzen hinter den glorreichen Sieben

Hannover! Ich war mir so sicher! Ganz klar Hannover! Und das aus dem Kopf heraus. 96, Arminia und – tätä – der OSV! Alle dabei. Doch bevor ich mir zu viel selbst auf die Schulter Klopfen konnte vor Begeisterung, hatten mich die Fakten bei fussballdaten.de eines besseren belehrt. Es waren mitnichten nur die Leinstädter!

Wovon hier die Rede ist? Na von Fußball-Zweitligisten. Besser gesagt von Städten, die seit 1974 mehr als einen Zweitligaklub hervorgebracht haben. Und angeregt dazu hat mich @saumselig, der drüben bei Textilvergehen mal so ganz salopp Berlin ob seiner sieben Zweitliga-Vereine die Hauptstadt der Zweitklassigkeit “schimpft”.

Doch wer oder was, so frug ich mich, nahm hinter den “glorreichen Sieben” aus Berlin die Vizemeisterschaft ein? Die Antwort oben ist zwar nicht falsch, aber eben nicht vollständig. Denn nicht nur die niedersächsische Landeshauptstadt hatte schon drei Vertreter ins Bundesliga-Unterhaus entsandt, sondern eben auch Köln mit – na logisch – dem langjährigen Ewigen Zweitliga-Tabellenführer Fortuna  (mittlerweile von Alemannia Aachen abgelöst), dem Eff-Zeh und Viktoria!

Auch noch in der Spitzengruppe finden wir, man höre und staune, Ingolstadt! Der ESV und der MTV kickten einst in Liga zwo, nun der Nachfolgefusionsverein der beiden Fußball-Abeilungen, der FC Ingolstadt 04!

Weitere Städte, aus denen jeweils zwei Klubs es in den Unterbau der deutschen Eliteliga schafften:

Hamburg (FC St. Pauli und HSV Barmbek-Uhlenhorst)
Freiburg (der eigentliche Traditionsklub FC und der Lokalrivale SC!)
Bochum (VfL und Wattenscheid 09)
Frankfurt (FSV und Eintracht)
Essen (Rot-Weiß und Schwarz-Weiß)
Würzburg (FV ’04 und Kickers)
Paderborn (TuS Schloß-Neuhaus und SC Paderborn 07)
Gütersloh (DJK und FC)
Stuttgart (VfB und Kickers)
Remscheid (BV Lüttringhausen und sein späterer Nachfolger BVL Remscheid)

Streiten könnte man sich allerdings noch, ob der TSV Havelse als Hannover’sch gelten darf. Dann wäre die Leinestadt doch der Kronprinz hinter unserer geliebten Spreemetropole. Ich plädiere aber eher für Nein. Denn Unterhaching ist ja auch nicht wirklich München.

Nicht schon wieder

Meine Mütze! Verdammt! Wo ist meine Mütze? Für Sekunden ging es mir wie dem berühmten fallenden Wal. Und ich meine hier weder Fail Whale noch Dicks Moby. Sondern einfach und allein den bei der Explosion der “Heart of Gold” frei auf die Erde zusteuernden Meeressäuger kurz vor dem Aufprall: “Oh no, not again.” Nicht schon wieder!

Ja, nicht schon wieder. War aber so. Leider. Für diejenigen unter meinen geschätzten Leser, die es noch nicht wissen sollten:  Ich bin ein Ausnahmekönner. Ein hochgradiger Spezialist  in punkto Schalverbummlung, Handschuhe-verliererei, Mützen-Verfernung. Alles was da so kreucht und fleucht. Futsch. Jeden Winter das gleiche verdammte Spiel. Falls in dieser Diszplin jemals eine Weltmeisterschaft ausgefochten werden sollte, Sie brauchen nicht auf mich zu setzen. Zumindest dann nicht, wenn sie Kohle scheffeln möchten. Die Quoten sind so niedrig, weil ich das Halbfinale immer erreiche. Mindestens!

Die Bunkine setzt schon immer ein keckes Grinsen auf, wenn ich mal mit einer neuen Kopfbedeckung oder einem andersfarbigen Halstuch bei ihr erscheine. “Na, mal wieder den Schal verbummelt”, flötet sie dann triumphierend. Und lässt sich partout nicht von ihrer Meinung abringen. Dass das manchmal es auch modische Gründe haben könnte, dass man sich in der Halsgegend anders umgürtet oder sein Haupte schmückt, lässt sie nicht gelten. Alles Ausreden, meint sie. Und im Grunde hat sie ja Recht.

Doch der kluge Mann baut vor. Wohl dem der das ein oder andere Reservemützchen sein Eigen nennt. Flugs gegriffen und gerüstet ob der klirrenden Kälte. Was mir zwar manche spöttischen BSR-Vergleich meiner geschätzten Kollegen einbrachte – warum auch immer – aber ich ward trocken hinter den Ohren und musste nicht frieren.

Was an dem morgen noch nicht ahnte, als ich mich auf den Weg machte, dem 1. FC Wundervoll bei seinen klassischen Untergängen in Westfalen beizuwohnen (vielleicht kann irgendjemand den Eisernen eines fernen Tages mal beibringen, dass es Aufbauhilfe Ost und nicht Aufbauhilfe Ostwestfalen heißt), war, dass der Tag ein noch verlustreicher werden sollte. Im Setzbaukasten zu Paderborn, der entfernt so etwas wie einem Fußballstadion ähnelt, legte ich wie immer mein Diktafon vorne am Podium für die Pressekonferenz ab, auf dass mir der honigsüßen Weißheit, träufelnd von des Übungsleiters Mund, nicht entgehe,  und zog mich – die Zeit drängte, der Andruck nahte – schreibenderweis in die Tiefen des gut gefüllten Raumes zurück. Da der Coach des 1. FC Wundervoll neuerdings höchst eigenmächtig seinen Berliner Journalisten den obligatorischen “Small talk” nach der PK verweigert, hatte das zur Folge, dass ich am Ende der Gsprächsrunde diesmal nicht nach vorne eilte und dabei wie gewohnt das digitale Aufnahmegerät wieder einsammelte. Ganz im Gegentum drängte ich, erfolgreicher Textabsonderung und Verschickung, die mit reisenden Kollegen eilends zum Aufbruch. Die Niederlage tat ihr übriges. Nur weg! Weg, weg, weg. Und weg war das gute Stück dann auch, als ich nur dreieinhalb Stunden später und rund 80 Schnee- und Eisregen-km weiter wieder seiner gedachte.

Kleine Fortschritte – auch ohne Besuch einer Selbsthilfegruppe – sind allerdings schon bei mir zu beobachten. Immerhin weiß ich in letzter Zeit ziemlich genau, wo ich und wann ich der Sachen verlustig ging. Was beim Diktaphon ja nicht weiter schwer war, bei meinem beliebten Zwergenmützchen schon etwas anders aussah. Aber auch da eilte ich – nur sechs Stunden nach dem Schlusspfiff rückkehrend aus dem Ostwestfälischen – flinken Fußes und frohen Mutes der Margarete F. entgegen. Wissend: Dort hatte ich des Mittwochs Mittwoch die Wollene abgelegt auf dem Hocker neben mir, ehe Kollege K. sie zu später Stunde beiseite räumte und ich wenig später ihrer vergaß. Und siehe da. Sie ward gefunden. Ende gut, alles gut!

Ende gut? Nicht ganz. Denn die Mütze ward mir wieder gegeben, doch ehe noch des Morgens Zeit, das ganze ich wieder gereut. Denn der tücherne Mantel, den morgens ich dann im meinen Haushalt fand, war mir ein Buch mit sieben Siegeln. Kleiner! Dunkler! Löchriger! Zumindest im Futter. Unbehandschuht hinzu. Und für einen Moment durchzuckte es meine grauen Zellen, dass ich mich schon bei meinem Abgang kurz gewundert hatte, wo denn der in den Ärmel gestopfte Schal abgeblieben war. Was mich justamente nicht weiter gestört hatte. Erstens war ich des süßen Rebensaftes voll. Und zweitens, wann hatte ich denn nicht Schals munter verbummelt? Eben.

Wie es weiter ging? Gar nicht! Das war’s schon. Ein kurzes Nachdenken im morgendlichen Grauen des Aufstehens, und vier bis fünf Tweets weiter hatte ich mich erstens ob meines Missgeschicks im Twitterlande geoutet und dann auch den Hinweis auf den Verbleib meines schweren, grauen Tuchmantels bekommen. Der Rest war sozusagen dank Web2.0 ein reiner Gefangenenaustausch. Und nun sage einer noch, Twitter sei nicht nützlich!

Reizender Empfang

“Sieh zu, dass du Land gewinnst.” Hach, was war die dick eingemummte Gestalt an der Heckklappe des Lieferwagens eine Ausgeburt an Freundlichkeit. Muss noch erwähnt werden, dass er sich bei seinen Worten mächtig in die Brust warf? Meine sanfte Erwiederung, dass ich zu Schuppe wolle, um diesem “Guten Tag” zu sagen, wurde mit einem scharfen “Besser ist das” quittiert, ehe er mir den Rücken zuwandte. Meine dezente Nachfrage, warum er denn so agressiv sei, konnterte er mit einem “Du solltest mich mal agressiv sehen”. Wirklich, ein reizender Knabe. Und so gut erzogen.

Zumindest Schuppe, zu Berliner Zeiten in der Torstraße einst ein Kneiper meines Vertrauens, freute sich, mich zu sehen. Viel Zeit hatten wir ja nicht, rund um das Spiel des 1. FC Wundervoll an der Ostsee. Jeder hatte halt zu tun. Und meine mehr rhetorisch gemeinte Nachfrage, ob man hinterher sich noch kurz treffen wolle, wurde von einem weiteren netten Kurzhaarschnitt bevorzugendem Kerlchen mit der Feststellung, “Da habt ihr eh 1:0 verloren und du keine Lust mehr” brüsk abgeschmettert.

Reizende Leute da im Umfeld des FC Hansa. Kein Wunder, dass sie immer wieder gern gesehene Gäste in den Stadien dieser unseren Fußballrepublik sind.

Alles langweilig, oder was?

Trainingsauftakt beim 1.FC Wundervoll. Für gemeinhin eine Angelegenheit von allgemeinem Interesse. An guten Tagen  kommen da auch mal vierstellige Truppenteile zusammen. Beispielsweise beim Debüt von Uwe Neuhaus.


Foto: Koch

Mag es auch unfair sein Sommers mit Winters zu vergleichen, gestern wähnte sich die illustre Boulevardjournalisten-Runde (inklusive meiner Wenigkeit)  im falschen Film. Dass die Mannschaft gestern mit Tross, Proband & Co. die Zahl der Kibitze überstieg, kann ja schon mal vorkommen. In der Regionalliga-Saison 07/08 wollten sich immerhin rund 40 Eiserne das Spektakel ihrer Lieblinge nicht entgehen lassen.

Doch das der Journlistenschar die Köpfe der Anhängerschaft zahlenmäßig auch hinter sich lässt, verwundert dann schon. Ganze 1,5 Fans (ein Großer und sein Kleiner) waren gestern an der nasskalten Alten Försterei dabei. Und auch da ist das reine Fandasein nicht richtig gezählt, war doch einer der beiden ein munterer Mitbetreiber eines sehr ehrenwerten Unionfan-Blogs. Mit anderen Worten, publizistisches Interesse in moderner Form war vorhanden!

Warum diese Minuskulisse? Die Ruhe vor dem Sturm? Alles nur der Festtagszeit und dem kuriosen Termin zwischen den Feiertagen geschuldet? Also den Tagen, in denen ohnehin alles den Göttern der Völlerei untergeordnet wird? Und sei es aus biologischen Gründen.

Kann eigentlich nicht so sein. Union steht ja für einen Auffsteiger blendend da. Das muss doch locken. Sollte etwa? Wird der 1.FC Wundervoll gar, man traut es sich kaum auszusprechen, … ein kleines bisschen langweilig? Mittelfeld gleich graue Maus? Ist man in Köpenick nur noch das Spektakel gewöhnt? Wie das Weihnachtssingen etwa, was ja auch bei kaum weniger günstigen Temperaturen 8000 Sangesbrüder und -schwestern an die Alte Försterei lockte.

Ist Trainer Uwe Neuhaus, ohnehin nicht als bekennender Freund der Unterhaltungsbranche bekannt, bestimmt ganz recht. In Ruhe arbeiten, möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so sein Credo. Panem et circensis? Nicht des akribischen Arbeiters Ding. Entscheidend ist für ihn allein auf dem Platz. Und nicht daneben. Das ist nur störend Beiwerk. “Eigentlich wollte ich heute dreieinhalb Stunden trainieren lassen, damit die Journalisten die Lust verlieren, Fragen zu stellen”, verpackte er seine Ansichten in einen  vermeintlichen Scherz.

Ha, ha. Gut gelacht. war ja auch nett da bei leichtem Nieselregen, immer noch gefrorenen Böden und zahlreichen Wasserpfützen, die die Wege säumten. Da möchte man schon mal zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön.

Oder liegt es vielleicht auch daran, dass man die Herren Gebhardt, Biran, Benyamina & Co. zwar als formidable Fußwerker kennt. Doch die Menschen dahinter einem leicht fremd sind? Dass der manchmal ans manische grenzende Kontrollversuch, von der Schwesterzeitung hier nur am Rande gestreift, teils auch kontraproduktiv sein kann?

Wahrscheinlich von allem etwas. Es kommt halt auf die Mischung an. Profi-Fußball ist halt auch mehr als ein 1:0 auf dem Platz. Es ist ein Geschäft auf der Basis von Emotionen und Zwischenmenschlichem. Eins, das eben nicht nur aus Spieltagen und nackten Resultaten besteht.

Wenn einem St. Pauli auf den Geist geht

Ach, Mönsch. St. Pauli, alte Spaßbremse. Musste das sein? Von wegen Herz und so. Also gastfreundlich war das nun nicht, den 1. FC Wundervoll so mir-nix-dir-nix einfach mal zu vermöbeln.

Was sagst du? Selber schuld? Nur weil ich die Einlaufmelodie  nicht für voll genommen habe? Moment mal, ich hör noch mal genau hin.

Ja gut, Höllenglocken. Weiß ich doch. Aber musst du das dann gleich so wörtlich nehmen? Höllenqualen statt Freudenhäuser? Ein Törchen hätte doch völlig ausgereicht, wenn du einem unbedingt die Laune vermiesen wolltest. Ich meine, wir kamen als Freunde. Manche sogar als Blutsbrüder. Ich finde du nimmst dich einfach zu wichtig. So geht man mit Freunden nicht um. Ne, ne, ‘ne Punkteteilung, das wär’s doch gewesen. Also ehrlich mal.

Und komme mir jetzt bloß nicht mit dem Spruch, ich hätte es wissen müssen. Ja, sicher ertönte Blurs Song No 2 genau in dem Moment in meinem Autoradio, als ich zwei Tage vorher für meinen Brötchengeber auf dem Weg zur Spieltagspressekonferenz des 1.FC Wundervoll gewesen bin und mich ein alter Freund und St.Pauli-Fan anrief. Ja, ich weiß, dass das euer Tor-Jingel ist. Ach, ne Warnung sollte das sein? Womöglich ebenso wie die Tatsache, dass ich ausgerechnet diesen Kumpel von mir auch noch Tags darauf in der Schwesterzeitung zitiert wieder fand.

Jetzt hör mir mal uff. Nur weil die Unsrigen zwischen den Strafräumen umherirrten, als suchten sie den Notausgang, muss man uns doch nicht gleich sechs einschenken. Was sagst du? Es waren nur drei? Ja, aber gefühlt waren es sechs. Mindestens. Wenn ich allein an die Fehlpässe denke. Die wirkten doch einstudiert. Da konnte einen nicht mal richtig trösten, dass Kenan Sahin nicht wie gewohnt umherschwalbte. Ne, dass Astra blieb einem im Halse stecken angesichts dieser Vorstellung.

Sicher, unsere Jungs hätte man nicht unbedingt in so einem Gefährt mit so einer Aufschrift nach Hamburg schicken müssen.

Das musste ja zu Missverständnissen führen. Sind ja alle jung. Und was auf Klassenfahrten so alles abgeht! Also wenn ich da an meine Schulzeit zurückdenke … Dass der Kiez immer nur mit Verlustierungen und nicht zwingend mit harter Maloche gleichgesetzt wird, war ja auch den Fußballgöttern bekannt. Na gut, Schwamm drüber. Ist nun mal passiert.

Aber wo wir mal grad so nett plaudern. So richtig Traditionsbewusstsein ist bei euch wohl auch nicht verbreitet, was? Uns 1919 Karten nach Berlin zu schicken. Neun weniger hätten es auch getan und ihr wärt alle mal wieder für eure Guerilla-Marketing-Aktionen bewundert worden. Was ich damit meine? Na kuck dir doch mal euer Logo genauer an. Verstehste jetzt? Steht doch dick und fett drauf!! Also ein bisschen schwer von Kapee biste heute schon. Ganzen Tag schon. Aber das hatte ich dir altem Spielverderber ja schon weiter oben mitgeteilt.

Und wenn ich schon mal am Meckern bin. Dass ihr Weltpokalsiegerbesieger euer schönes Kleinod, also die wunderbare manuelle Anzeigetafel, jetzt schnöde in den Katakomben der neuen Südtribüne versteckt, geht ja nun mal gar nicht. Nur weil ich in die Mixed-Zone rein darf, kann ich sie hier noch mal allen Interessierten vorführen. Die wurde echt vermisst. Also ich sag dir eins, bei uns in der Alten Försterei habe wir das besser gelöst.

Aber eins muss man euch dann doch lassen. In punkto soziales Engagement macht euch keiner was vor. Jetzt wo alle Welt angesichts von Bildungsnotstand und Pisa-Studien nach mehr Finanzmitteln für die Schulen und Unis schreit, macht ihr Nägel mit Köpfen. Einfach mal die alte Haupttribüne abgerissen und schon kann das darbende Wirtschaftsgymnasium dahinter seine schnöden Klassenzimmer als VINF-Logen, also als Very-Important-Normal-Fan-Logen, vermieten und seine chronisch unterfinanzierten Lehrmittel und Lehrkörper aufbessern. Das nenn ich doch mal ne gute Tat.

Aber alles in allem: echt kein schöner Ausflug. Und wenn ihr so weiter macht, können wir nächstes Jahr nicht mal zu Besuch vorbeikommen. Dafür haben wir dann die pucklige Alte Tante aus dem Westen zu Gast. Also schön ist das nicht. Und du, du bist mit dran schuld. Also zum Teil. Irgendwie. Ach, was weiß denn ich.

Irgendwie habe ich jetzt das dumpfe Gefühl, ich bin hier noch was schuldig. Ach klar, die Überschrift. Hier ist sie.